Den Trennungsschmerz oder das Gefühl einer offenen Situation auszuhalten, das Jonglieren zwischen Hoffnung und realem Sein, ist eine wirklich schwierige Situation. Wie können wir Menschen das aushalten?

Trennungsschmerz ist nicht einfach zu bewältigen, und es tut gut, ihn zu akzeptieren, zu weinen, solange, bis die Tränen dir sagen, daß sie (die Tränen) dich lieben. Dein Inneres hilft dir mit jeder Träne, daß du dich heilen kannst.

Diesen Prozeß kenne ich von mir, als ich zum ersten Mal in meinem Leben verlassen wurde, und ich kenne ihn von anderen Menschen. Die Zeit der Trauer kann zwei Monate dauern, vielleicht geht es schneller, vielleicht braucht es viel länger.

Ich habe diese Zeit alleine verbracht, war viel in der Natur und habe Moody Blues gehört, auch verbunden mit der Hoffnung, es könne ein Wunder geschehen. Gleichzeitig war es meine Weise, die Gefühle, die in mir waren, lebendig werden zu lassen – und das ließ die Tränen noch mehr fließen. Das war 1975.

Sechs Jahre später bekam ich einen Brief mit unbekannten Absender aus Berlin. Meine geliebte Freundin hatte einen neuen Nachnamen; sie war verheiratet. Es tat weh, natürlich – und alle Schmetterlinge im Bauch waren wieder da. Vollkommen unlogisch, weil mir erst jetzt eine neue Grenze bewußt wurde. Ich freute mich über das Verbundensein, dieses ewige, und das ließ mich hoffen – dem Leben gegenüber und auch für dieses unendlich scheinende romantische Liebesgefühl.

Ein paar Tage später hatte ich einen Traum. Zu der Zeit studierte ich in Bremen und fuhr in den Semesterferien Taxe. Im Traum stand ich mit der Taxe am Flughafen, genau wie im richtigen Leben. Alle Taxifahrer träumen vom unendlichen Glück einer Fernfahrt.

Eine ältere Frau kam langsam mit ihrem Gepäck aus dem Flughafen, schaute um sich und erblickte mich. Obwohl ich nicht an der Reihe war, ging sie direkt auf meine Taxe zu und fragte mich: „Junger Mann, können Sie mich nach Berlin fahren?“

Nun, wir wissen, es gibt solche und solche Träume. Dieser Traum war für mich ein besonderer Traum. Irgendjemand, irgendetwas im Kosmos meinte es gut mit mir.

Vier Tage nach dem Traum war ich wieder auf der Taxe, ärgerte mich ein wenig über mich, weil ich verschlafen hatte und so nicht für die ersten Maschinen am Flughafen sein konnte. Ich dachte nicht einmal darüber nach, daß es irreal sein mußte, einen Fahrgast von Bremen nach Berlin zu bekommen. Meine Aufgabe war es, den Flughafen anzusteuern, alles andere würde von alleine passieren.

Drei Stunden später stand ich als erste Taxe am Flughafen Bremen. Eine junge Frau kam auf mich zu; sie wollte nach Bremerhaven und zurück. Normalerweise ist der Taxifahrer erfreut über solch ein Ereignis, doch in diesem Fall war ich traurig. Nicht, das ich sie weggeschickt hätte, dafür war der bezahlte Ausflug mit einer Stunde Wartezeit an der Columbuskaje viel zu schön. Aber im Stillen dachte ich mir, vielleicht klappt es ja mit der 18 Uhr Maschine, denn es ist mein Tag.

Auch das war absolut irreal. Sowohl von der Bemessung der Zeit als auch von der Abfolge der Ereignisse. Niemals, so die Wahrscheinlichkeitsrechnung, würde ein Taxifahrer zwei Mal am Tag so viel Glück haben. Ferntouren nach Berlin kommen selten im Leben eines Taxifahrers vor – wenn er Glück hat, vielleicht einmal, wenn er Pech hat, nie.

Während die gute Frau in Bremerhaven ihren Geschäften nachging, trank ich einen guten Kaffee, aß ein Stück Erdbeertorte mit Sahne in einem luxuriösen Restaurant und ging zur Taxe zurück. Ich hatte noch eine halbe Stunde Zeit bis zur Rückkehr, hoffte, daß sie das Timing einhalten würde und schrieb einen Brief an meine geliebte Großmutter Gretchen.

Plötzlich öffneten sich meine Augen – die des Taxifahrers. Aus der Columbuskaje kam ein älterer Mann und schaute nach etwas, was er benötigte. Ich wußte genau, was er suchte, doch die Taxenfahrer aus Bremerhaven standen nicht zur Verfügung. Der Mann ging wieder in die Halle zurück, holte seine Koffer und baute sie dann draußen auf. Dann kam er auf mich zu.

Ich ärgerte mich, weil ich ja nicht zur Verfügung stand. Also winkte ich mit beiden Armen ab. Dennoch ließ er sich nicht abhalten, an die Fahrerseite zu kommen und mich zu nötigen, mit ihm zu sprechen. Also drehte ich die Scheibe herunter und hörte seine Stimme.

„Sagen Sie mal, junger Mann, würden Sie mich nach Berlin fahren?“

Ich schüttelte den Kopf und erzählte ihm von der Situation, daß ich besetzt sei, auf meinen weiblichen Fahrgast warten und dann mit ihr nach Bremen fahren würde.

„Das macht nichts,“ antwortete er, „sie wird bestimmt nichts dagegen haben.“

„Aber vielleicht mein Chef,“ gab ich zurück.

„Dann reden Sie mit ihm,“ erwiderte er.

Es dauerte eine Viertelstunde, bis mein Chef die Erlaubnis gab. Er lehnte in der Regel Fernfahrten ab. Und außerdem wußte er, daß ich die Nachtschicht blockieren und den nächsten Tag meine eigene Schicht schmeißen würde. Und trotzdem durfte ich nach Berlin fahren. Erst als das ‚Ja‘ von ihm kam, durfte ich innerlich vor Freude aufschreien, erst leise, und als die junge Frau kam und nichts gegen den Mitfahrer einzuwenden hatte, fing meine Freude an, lebendig zu werden.

Viele Stunden später kamen wir in Berlin an. Genau am Zielort wartete der Mann meiner Jugendliebe, um mich durch die Großstadt zu lotsen. Nach einer Viertelstunde sah ich sie wieder, die Geliebte. Selbst Jahre danach wunderte ich mich, daß dieses Treffen möglich war – und über das Zusammenspiel von Traum und irdischer Wirklichkeit.

Ein paar Jahre später besuchte ich sie wieder, nachdem ich erfahren hatte, daß die beiden sich getrennt hatten. Zwischen uns beiden war ein Gefühl der Nähe und der Verbundenheit, auch wenn wir nie wieder zusammengewesen sind. Und doch ist sie heute noch in meinem Herzen.

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