„Dieses Land ist es nicht,“ sagte Rio lange vor der Zeit, als jenes Land grausame Maßnahmen vollzog, die dem Katalog eines Alliierten des Feuerlords entsprechen. Die Frage, in welch einem Land wir leben, stelle ich mir schon lange nicht mehr. Ich wußte es, bevor Rio sein Lied schrieb.

Und dennoch barg die Zeit damals etwas wie Hoffnung, ein Hauch von Glück, ähnlich wie die vermeintliche Ansicht, daß die Luft, die wir atmeten, eine frische Brise sei, auch wenn der nukleare Schrecken Windscales nicht zum Schrecken wurde, ganz einfach, indem der Horror verheimlicht wurde.

Bio in Zeiten der Cholera ginge ja noch, aber Bio in Zeiten von Chemtrails, Gülle und Merkel erstickt in äußeren Bedingungen; auch wenn die Gier der Rüstungsindustriellen die Gier der Regierenden lenkt. Was essen wir und was trinken wir, wenn Bio nicht mehr Bio und Wasser nicht mehr Wasser ist? Was atmen wir, wenn die Luft keine Luft mehr ist?

Die äußeren Bedingungen führen zu Hilfsmaßnahmen, doch wie lange helfen individuelle Konzepte? Leonard Cohen sang von Liebe und Haß, genau zu jener Zeit, als die Truppen des Feuerlords – auch mit Hilfe eines deutschen Unternehmens – Vietnam vergiftete. Der Geist der Partisanen durchdrang die Freiheitsliebenden, solange, bis wir eines Tages am Lagerfeuer mit Gioconda Belli saßen und uns die Frage stellten, warum wir nicht anders können, als uns nach Freiheit zu sehnen. Nicht nach irgendeiner, sondern nach der absoluten, die es allen Lebewesen ermöglicht, in Liebe zu leben, frei von Ungerechtigkeit, frei von Habgier und frei von Haß.

Zwei Jahre bevor ich geboren wurde, verließen Charlie Chaplin, Thomas Mann, Bertolt Brecht und Stefan Heym eilig die USA; sie, die Männer, die etwas zu sagen hatten, flüchteten, weil sie überleben wollten, um weiterhin das sagen zu können, was sie sagen wollten, weil sie es sagen mußten. Damals wie heute wissen die Aufrechten, daß die Herrschenden Ruhe im Hinterland brauchen, wenn sie Kriege führen wollen. Doch welche Orte bleiben den Töchtern und Söhnen von Mutter Erde, wenn die Fahnen des Todes überall gehißt sind?

Kannst Du schweigen, wenn du aufschreien müßtest? Und wenn Du schweigst, obwohl es keinen Sinn macht, zu schweigen, außer als Ausdruck des Überlebenskampfes, wie fühlst du dich dann? Zerfrißt dich deine Angst, schneller noch, als es die Gifte der Herrschenden tun?

Unbequeme Fragen sind Fragen, die wir uns im kleinen Kreis stellen können. Unbequem ist es schon, darüber nachzudenken, was wir heute noch essen können, was wir heute trinken, wie wir uns nach dem Spaziergang reinigen, nach dem Schwimmen und nach dem nächsten Reaktorunfall. Unbequem ist sogar die Frage, wie deutschnational die Tantrikerin in deiner Stadt ist, und welchen Arm sie nach dem Orgasmus hebt.

Wenn das Überleben Fragen generiert, so stelle ich mir die Frage, mit wem ich die Fragen besprechen kann. Die drei Affen lachen sich ins Fäustchen, weil ihre Kinder sich in einer jungfräulichen Geschwindigkeit vermehren, schneller noch, als Maria es konnte, keine Chance, der Gewalt des Heiligen Geists zu entfliehen?

Keine Chance? Fast scheint es so. Die einzige Frage, die wirklich zählt, ist die Frage, was tue ich, um mich nicht selbst zu belügen. Wenn das Innen wie das Außen ist, was muß ich tun, um in Liebe zu sein? Wenn außen Faschismus und Krieg toben, wie sieht es im Inneren aus?

Eine nette alte Dame, die ich vor ein paar Jahren interviewte, erzählte mir ihre Erlebnisse am Ende des Krieges. Die Nazis – und sie war eine davon – tanzten und lachten in ihrer letzten Nacht, bevor sie vor der Roten Armee flohen. Im morgendlichen Gefecht starben mehrere der Beteiligten; die nette alte Dame, die damals jung war, machte sich mit ihrer Freundin auf den Weg, diesmal nicht nur voller Haß, sondern auch noch traumatisiert durch den Anblick des Mannes, mit dem sie zuletzt getanzt hatte – denn sein Gesicht war nicht mehr erkennbar. Viele Jahre später starb sie, etwas komisch war es schon, stellte der Bestatter fest, als er versuchte, ihr das Parteiabzeichen, das verhasste, aus der Hand zu nehmen.

Die Frage lautet nicht nur, warum sie als junger Mensch den fanatischen Mördern folgte, sondern auch, warum sie nicht in der Lage war aufzuhören, die verbrecherische Ideologie bis zu ihrem Tod anzubeten. Es war Lenin, der die richtige Frage gestellt hatte, auch wenn „Was tun?“ schon lange nicht mehr meine Gute-Nacht-Lektüre ist, obwohl ich ein paar Jahre brauchte, um zu erfahren, daß der Herr Genosse die Matrosen von Kronstadt ermorden ließ.

Ganz entspannt im Hier und Jetzt auf die richtige Frage zu warten ist auch nicht die Lösung.

„Atme,“ sagte Yoko.

John Lennon wußte, wie gefährlich es ist, zu atmen. Er tat es dennoch. Es blieb ihm nichts anderes übrig.

Frage.

Atme.

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