Tanzschule, welch ein komisches Wort. Meine erste Tanzschule begann, als ich fünfzehn war, und das Schönste an dieser Zeit war die Annäherung von Körper zu Körper, von männlich zu weiblich, das Riechen können, das Fühlen, das Berühren, das Eigentliche, das Vorsichtige, das Ahnende, das Wachwerdende.

Das Einzige, was störte, war die Musik. Ein Fan der Rolling Stones, von den Yardbirds und all den Anfängen dieser wunderbaren Musik, die sich Rockmusik nannte, ward in den Foxtrott gestoßen, nicht in den von Genesis, das Album sollte später kommen. Was am meisten nervte, war nicht das Spiel, zu den schönen Frauen zu rennen, nein, das war schön, wenn auch bescheuert, weil es nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hatte.

Es gibt etwas, das ist für Dummies. Stupides Zählen und nicht mitfühlendes Auswendiglernen. Es gibt Leute, die Zählen sogar beim Sex. Neun Mal flach, einmal tief. Und wieder von vorne. Diese Variante gibt es auch als zehn kleine Negerlein, 9-1, 8-2 und so weiter. Wer kann dabei Gefühle fühlen? Ich gestehe, ich habe es ausprobiert, aber es ist absolut lächerlich, wenn du nicht den Showmaster spielen willst. Das Konzept ist geil, bloß mache es intuitiv und lass nicht die Luft raus.

Genauso ging es mir mit dem Zählen beim Tanzen. „I feel free,“ das hörte ich Zuhause, in meinem Weißen Zimmer, und hier, in der Tanzschule, wo die Jecken sich zum Schützenfest trafen und wo die Bundesjugendspiele stattfanden, da trat ich zum ersten Mal der Frau auf die Füße, die dennoch mit mir Freestyle tanzte, allerdings später, im Berliner „Sound“, schwoofend bei „A Whiter Shade of Pale“, ausflippend bei „Do What You Like“. Seitdem mag ich keinen Walzer.

Zur gleichen Zeit besuchte ich eine freie Tanzschule, sie hieß Oldtimer, ein umgebauter Bauernhof, auf den mich eine liebe Freundin aufmerksam gemacht hatte, die zwei Klassen über mir war, ich meine – schulisch. Im Bus erfuhr ich diese Neuigkeit, überlegte mir für meine Eltern zur Eröffnung eine gute Ausrede und seitdem lernte ich, Intuition, Körper, Musik und Sex in Einklang zu bringen. Naja, letzteres dauerte ein wenig länger, aber Tanzen hat nichts mit Schritten und Zählen zu tun.

Tanzen, das lernte ich im Oldtimer von den schönen jungen Frauen, hat etwas mit Bauchtanz zu tun. Es kommt aus dem Bauch heraus, genaugenommen aus dem ersten und dem zweiten Chakra, aus dem Sexchakra und dem emotionalen Chakra. Hör ich Blasmusik, denke ich an Krieg, höre ich Walzer, dann an die bourgeoisen Zählfeste, höre ich Kammermusik, dann an die feudalen Gefängnisse im Kopf vergeistigter Zuhörer.

Ich schlich mich von dannen und ward nie mehr auf Sonntagsspaziergängen gesehen. Selbst meine geliebte Sachertorte mit Sahne habe ich geopfert, um in mein Paradies, das tanzende, zu kommen.

Nun, ich bin ein Mann, ich schaue gerne zu. Damals war ich schüchtern, und sah und fühlte, wie die Frauen tanzten. Ich war zutiefst beeindruckt, dass Tanzen so viel Spaß machen konnte. Eines Tages begann das Spiel, wer geht als erster auf die Tanzfläche. Ich lernte, meine Angst zu verlieren – ich hatte das wilde Tanzen Zuhause geübt, schon als Kind. „Wild Thing. Can’t Control Myself.“ Das war meine Wellenlänge. Zählen nein, erzählen ja. Nur das konnte ich damals nicht.

Das erste, wenn du auf die Bühne gehst, heißt nicht, irgendein Tanzmuster abzuspulen. Es dreht sich darum, absolut empfänglich zu sein, einen guten Stand zu haben und die Beine etwas breit zu machen. Das ist Rezeptivität. „Du kannst zuhören, du kannst es zuhause oder bei der Oma auf dem Dachboden üben,“ dachte ich mir damals, „aber wie verbinde ich Ton und Körper?“

Also isoliert man alle Zuschauer und konzentriert sich auf den Ton, der irgendwie irgendwas in deinem Körper berührt. Und dieser wunderbare Körper sagt dir, was zu tun ist. Ein Körper hat alles, was wir brauchen, um zu tanzen. Lange Haare zum Wirbeln, Füße zum Stehen oder zum Bewegen, Beine zum Springen oder zum Schütteln und Hüften, zum Kreisen oder zum Stoßen (aber das wusste ich noch nicht). Wow, den Rest kannst du dir denken. Alles, und wenn ich sage, alles, dann meine ich Alles, alles will bewegt sein.

Die größte Herausforderung kam, als der DJ Stücke spielte, die ich noch nicht kannte, und ich kannte schon vieles, aber die eigentliche Welle revolutionärer Musik kam ja erst. 1970. 1971. 1972. Das waren die Geburtsstunden, die Geburtsjahre der progressiven Musik, da brauchtest du bloß die Ohren aufzumachen und du warst stoned.

Jimi Hendrix zum Beispiel. „Stone free.“ Genau, das war es. Und meist ohne Drogen. Und ohne Zählen. Zählen verhindert, dass du intuitiv wirst. Zählen ist linke Hemisphäre, Tanzen ist rechte Hemisphäre.

Ich habe wenig von Gurdjieff gehalten. Bei ihm wird mir zu viel gezählt. Ich bin ein tanzender Sufi, einer, der das Essen und Trinken vergisst, wenn er Musik hört, die die Welt bewegt. Und meine Welt fängt mit dem ersten Chakra an. „Sexmachine. One, two, three, four.“

Anzählen, naja, wenn es sein muss. Aber das machen die Musiker. Manche. Get up.

Je mehr du an der Verbindung von Hören, Chakren und Musik arbeitest (es ist kein Arbeiten, mehr ein Leben), desto eher schaffst du es, die Verbindung von Musik und Körper herzustellen. Nach einer langen Zeit, als ich aus dem herkömmlichen Discoalter raus war, lernte ich einen Alien kennen, einen Geist, der mich mit seinen Meditationen verrückt machte, besser gesagt, der mir half, meine Liebe zum Tanzen zu spiritualisieren. Das machte mich weniger verrückt, bis ich endlich so normal war, dass ich es gut unter Verrückten aushalten kann. Manchmal.

Postscript

Und was lernte ich aus dieser Zeit? Tanzlehrer sind überflüssig. Alles, was wir brauchen, ist in uns. Alles, was wir brauchen, sind Freunde.


 

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