„Thieves,“ sagte Sybille, „Diebe? Und das zu Weihnachten? Bei mir gibt es nicht viel, was man klauen könnte. Bist du sicher, dass das für mich ist?“ Der Weihnachtsmann nickte. Normalerweise hatte er keine Zeit, um sich mit Kindern und Erwachsenen zu unterhalten. Er war müde, und hatte keine Lust mehr auf Fragen, die er nicht beantworten wollte.

„Du bist noch nicht lange im Geschäft?“ fuhr Sybille fort.

Der Weihnachtsmann schüttelte den Kopf.

„Du siehst gut aus,“ sagte Sybille darauf, „ich meine, du siehst jung aus.“ Spontan fuhr sie mit ihren Fingern durch ihre Haare. Weil sie dabei erröte, wurde der Weihnachtsmann wach. Jedenfalls etwas.

„Ich feiere alleine Heiligabend,“ sagte Sybille, „aber das siehst du ja. Auch wenn ich es nicht unbedingt als Feiern bezeichnen möchte. Hast du heute noch was vor, wenn ich dich fragen darf?“

Der Weihnachtsmann schüttelte wieder seinen Kopf.

Sybille liebte es direkt zu sein. Dennoch respektierte sie die Stille, die vom Weihnachtsmann ausging. Es war eine angenehme Stille; ein Hauch von Freiheit, ein Hauch von Möglichkeiten – Hauch einer Reife, die selten auf diese Weise zu duften begann.

Nach fünf Minuten hatte Sybille eine Eingebung. Sie zog ihren irischen Pullover mit dem Zopfmuster aus und setzte sich gerade hin. Der Weihnachtsmann sah gespannt zu. Er liebte solche Momente, wenn er auf der Erde war und wurde richtig wach.

„Hast du Lust mit mir zu schlafen?“ fragte Sybille.

Der Weihnachtsmann nickte. Er war nicht überrascht, dass die Frage kam. Weihnachten ist prädestiniert für erotische Begegnungen. Weitaus interessanter war Sybille. Sie sah aus, wie er sich seinen Weihnachtsengel vorstellte. Blond. Mit langen Haaren. Und blaue Augen.

„Wie alt bist Du?“ fragte er vorsichtshalber.

„Alt genug,“ antwortete Sybille, „alt genug, um Spass zu haben. Und damit es klar ist, ich will kein Kind.“

Der Weihnachtsmann nickte.

„Außerdem machen wir als erstes einen Aids-Test.“

Der Weihnachtsmann nickte wieder.

Eine halbe Stunde später, als der Test zur Freude beider ausgefallen war, stellte Sybille fest, dass ihr etwas fehlte. Je näher sie an die Erfüllung ihres Wunsches angelangt war, desto ruhiger wurde sie.

„Ich möchte dich kennenlernen,“ sagte sie, „ich will deine Stimme hören. Erzähle mir eine Geschichte; sie soll schön sein, und spannend – und irgendwie soll sie noch nicht erzählt worden sein. Wir haben alle Zeit der Welt, und wenn ich dabei einschlafe, haben wir morgen und übermorgen genügend Zeit für ein geiles Fest.“ Dann lachte sie verschmitzt und bat den Weihnachtsmann, zu ihr aufs Sofa zu kommen.

Zuerst saßen sie nebeneinander, aber das gefiel Sybille nicht. Dann saßen sie im Winkel zueinander, Sybille auf dem Sofa und der Weihnachtsmann auf einem Sessel, doch auch das gefiel ihr nicht. Schließlich setzte sich der Mann in Rot wieder aufs Sofa – gegenüber von Sybille und streckte seine Füße so aus, dass er Sybilles Füße berührte.

„Er kann ruhig seinen Mantel ausziehen,“ dachte sich Sybille.

Der Weihnachtsmann schüttelte seinen Kopf.

„Später,“ sagte er, „ich kann Gedanken lesen. Deswegen bin ich Weihnachtsmann geworden. Jeder sollte mehr aus seinen Fähigkeiten machen. Apropos. Ich möchte tanzen. Hast du eine vernünftige Stereoanlage und einen Meditationsraum?“

„Nein,“ antwortete Sybille.

Der Weihnachtsmann lächelte. Einen Augenblick später entstand ein neuer Raum, ein runder Raum mit einem Durchmesser von ungefähr acht Metern, mit einem Bambusfussboden, einem runden Teppich ganz in Rot und einer Superstereoanlage mit Naturschallwundern. Dann lächelte er, holte sein iPhone raus, suchte Jimi Hendrix Winterland, nahm das erste Stück, weil es fünfzehn Minuten lang war – Tax Free, auch wenn er Voodoo Chile gerne mochte, aber das wollte er erst später hören, wenn er Sybille näher gekommen war.

Die beiden tanzten zusammen. Eigentlich tanzte der Weihnachtsmann gerne mit geschlossenen Augen, doch zusammen mit einer Frau liebte er es, seine Augen zu öffnen. Der Weihnachtsmann und Sybille begaben sich auf eine Zeitreise in die Ära von Woodstock, mehr intuitiv als wirklich, und als Sybille realisierte, dass sie alle Freiheiten wiedergewonnen hatte, zog sie ihren BH aus, während sie tanzte. Sie dachte nicht daran, ob sie ihren neuen Freund damit verführen könnte, sie tat es, weil sie sich wohlfühlte.

„I‘m a man,“ dachte der Weihnachtsmann, und spürte in diesem Moment, wie die Energie in ihm aufstieg. Er atmete tief durch, zog den Atem von seinem Sexus in den Bauch, atmete tiefer, zog den Atem hoch in die Lungen und dann bis in den Kopf. Langsam atmete er aus, bis er wieder im ersten Chakra angelangt war. Allmählich entstanden drei Energiekreisläufe. Jeder der beiden baute extrem viel Energie auf, und wenn sich ihre Augen begegneten, spielte das Feuer zwischen ihnen Blitz-Pingpong.

Als Tax Free zu Ende war, setzte sich der gute Mann zum Meditieren in den Schneidersitz. Sybille wartete einen Moment, um ihn zu beobachten und dann entschied sie, dass es am besten wäre, sich auf seinen Schoß zu setzen.

„Tantrische Weihnachten,“ flüsterte sie in sein linkes Ohr, „tantrisches Weihnachten ist noch besser als fröhliche Weihnachten.“

Der Weihnachtsmann nickte.

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