„Generationskriege sind Ausdruck einer patriarchalischen Gesellschaft,“ sagte mein Freund Matthes einmal, „Wenn du dein Kind freundlich begleiten und nicht durch Erziehung unterdrücken willst, brauchst du sehr viel Geduld – mit dir selbst.“

Ich schaute ihn bei diesen Worten verwundert an, denn der Gehalt seiner Sätze war ungewöhnlich, nicht nur in dieser Gesellschaft, sondern auch, weil sie aus seinem Mund kamen – direkt, ehrlich, weise – und ich ahnte, dass viele Veränderungen in ihm vorgegangen waren, seitdem wir uns zum letzten Mal gesehen hatten. Matthes, Vater von drei Kindern und Geschichtenerzähler wie ich, lebte seit ein paar Jahren wie ein Schamane; nicht, dass er einer war, doch er näherte sich in seiner Lebensauffassung einer Haltung der Menschen, die wir als Indianer bezeichnen. Seine Haare, die deutlich länger geworden waren gegenüber seiner buddhistisch anmutenden Mönchsfrisur, die er seit ein paar Jahren trug, ließen ihn wilder und verwegener aussehen, sein Gesichtsausdruck war fester geworden, wenngleich er dennoch spontane Lachanfälle bekam, die, wären sie in einer Kirche geschehen, den Pastor von der Kanzel gepustet hätten. Während er beobachtete oder mit mir oder anderen sprach, stellte ich fest, dass Matthes nicht mehr mit dem Wohlwollen anderer rang, obgleich seine Herzlichkeit spürbar war.

„Antoine de Saint-Exupéry, Vater des Kleinen Prinzen,“ fuhr Matthes fort, „brachte mich mit seiner Geschichte auf die Idee, meine Rolle als Vater neu zu überdenken. Einer der zentralen Sätze lautet: „Wenn du einen Freund willst, musst du sehr geduldig sein.“ Wer ist gemeint? Der Vater? Oder das Kind? Ich habe die Beobachtung gemacht, dass es beide sind, die sich gemeinsam verändern – in den friedlichen Zeiten, die einem harmonischen Zusammensein gleichen und in den bewegten Zeiten, in denen es offene oder versteckte Konflikte gibt. Sie können sich annähern oder voneinander entfernen; je nachdem die Einstellung und das Verhalten des Erwachsenen das Leben durchdringt – zunächst, jedenfalls in den jungen Jahren des Kindes. Betrachtet der Erwachsene sein Kind als Feind, so wie es hier im Westen durchaus üblich ist, egal ob als klassischer Familienvater, als Solist oder als Patchworker, so will er Macht – auch über seine Kinder, weil er nicht bereit ist zu verstehen, wie Menschen friedlich und liebevoll zusammenleben können. Kinder an sich sind Liebende, sie verzeihen dem Erwachsenen, weil sie nicht anders können – selbst die größten Gemeinheiten, solange jedenfalls, bis das Fass zum Überlaufen kommt. Dann bricht eine Welle von Gewalt und Hass aus dem Kind hervor, ohne dass das unschuldige Wesen ahnt, Opfer einer kaum durchschaubaren Kampagne geworden zu sein, denn Hass ist die Emotion, die die Mächtigen für ihre Zwecke, für ihre Kriege und für ihre Macht in sogenannten Friedenszeiten missbrauchen.“

Mein Freund Matthes ist nicht verheiratet; immer dann, wenn er fühlte, dass die Liebe endgültig verschwunden war, ging er seine eigenen Wege. Seine erste Tochter wollte er nach der Trennung regelmäßig sehen, doch die Mutter erlaubte es nicht. Sein zweites Kind, ein Junge, sah er glücklicherweise immerhin jedes zweite Wochenende, und in den Schulferien teilte er viele Wochen mit ihm. Sein drittes Kind, wieder ein Mädchen, lebte in unmittelbarer Nachbarschaft, so dass ein fast natürliches Miteinander möglich war, soweit es in einer westlichen Kultur, oder sagen wir eher Unkultur, möglich ist.

Abenteuer einer Neumondnacht

Als Geschichtenerzähler kannte sich Matthes mit den Gesetzen von Kontakt und Kommunikation gut aus. „Im Wesentlichen dreht es sich darum, in Kontakt mit sich selbst zu sein,“ sagte Matthes einmal, als wir in einer Neumondnacht zu meinem Auto wanderten, ohne wirklich mit den Augen sehen zu können. Es regnete in Strömen, doch es war ein Wunder zu entdecken, wie mit jedem Schritt die Straße ahnbar wurde; die Erinnerung an den oft gefahrenen Weg, selten gegangenen, wurde unter der direkten Wahrnehmung deutlich wach, mehr als die dunklen Silhouetten, die es gab, die jedoch nicht als deutliche Kontur in Erscheinung traten. Erinnerungen, Silhouetten und ein mysteriöses Inneres waren die Barken, die den Weg säumten; nur selten gab es Fehltritte, die, wenn sie passierten, keine schlimmen Folgen nach sich zogen.

Irgendwo gab es ein Ziel auf dem Weg, doch es war nicht der Weg, weil es ihn im Regen und in der dunklen Nacht nicht gab, es war das Gehen, das nur möglich war, wenn jeder Moment lebendig wurde und blieb. So liefen wir nicht nebeneinander, sondern trennten uns um etwa hundert Meter, so dass wir eine Übung aus der Situation machten. Am Ende des Weges, dort, wo der Wagen unter hohen Buchen auf einem Waldparkplatz abgestellt war, kurz vor einem Schloss, das vor einiger Zeit ein Meditationszentrum war, ertönte ein Tusch. Nicht, dass jemand auf uns gewartet hätte, doch es war ein gefühlter Gleichklang, wie ein Beglückwünschen nach einer gelungenen Handlung, Außen und Innen waren in Harmonie.

Vom Wendestein und Redekreisen

Matthes hatte seinen Kindern, die ihm verblieben waren, die Kommunikationsregeln eines indianischen Stammes beigebracht, genau in dem Moment, als sie so alt waren, dass sie anfingen, über eine Angelegenheit nachzudenken oder spontan ihrem Willen nachgingen, ohne  Gefahren für sich und andere zu bedenken. Matthes hatte nach einer einfachen Möglichkeit gesucht, die es ihm ermöglichte, sich durch ein Kind in einer Konfliktsituation entmachten zu lassen, denn trotz all seiner Liebe gelang es ihm nicht konsequent, gewisse Spiele in seinem Inneren als alte Konditionierungen, nicht nur seines Vaters, sondern auch als kollektive Folge von Hunderten von Jahren Schwarzer Pädagogik, während eines Augenblicks – dann, wenn Wut ihn blind machte – zu erkennen. Die einfache Grundregel und Frage, die seine Kinder im Konflikt zu beachten brauchten, hieß: „Hast du das auch schon einmal getan?“ Das machte Matthes wieder wach, ließ ihn innehalten – und in Bruchteilen von Sekunden, so schilderte er den inneren Prozess, war die Situation transformiert.

Lange Zeit hatte Matthes seine spontanen Gefühle unterdrückt; dabei half ihm in Konflikten eine Atemübung, die besagte, während eines entstehenden Konfliktes drei Mal tief durchzuatmen, nötigenfalls auch sechsunddreißig Mal. Er hatte sich und seine Emotionalität unter Kontrolle – was vielleicht sein Gutes in jungen Jahren hatte, dann aber nicht mehr seiner spirituellen Entwicklung entsprach. Sein suchender Geist half ihm, frühzeitig seinen Jungen und das Mädchen mit dem Großen Geheimnis zu verbinden, so dass die beiden zwei Entwicklungen parallel durchmachen konnten; die gewöhnliche, die nur die sichtbare Welt wahrnimmt sowie eine spirituelle Entwicklung, die die Kinder auch die unsichtbare Welt wahrnehmen ließ.

Eines Tages, ungefähr vor einem Jahr, die Kinder waren neun und acht Jahre alt, führte Matthes die Kommunikationsform eines Redekreises ein. Matthes ist irgendwie ein schlichter Schamane, er hat kein Tipi, raucht nicht, besitzt keine sogenannte Heilige Pfeife und macht sich nichts aus Ritualen, die ständig wiederkehren und einschläfernd wirken, nicht einmal Adlerfedern besitzt er und für den Redekreis mit den Kindern hat er die umfangreiche Prozedur auf wenige Elemente verkürzt. Matthes liebt es, wenn alles einfach ist, in gewisser Weise ist er ein Minimalist, der sich glücklich fühlen kann, in einem Moment, ohne zu vergessen, unter welchen Umständen er lebt.

Ein Redekreis ist eine wunderbare Sache, wenn er nicht von Erwachsenen, sei es Lehrern oder Managern, für ihre Zwecke missbraucht wird, um Demokratie vorzuspiegeln oder um Strategien und Taktiken, die sich anders nicht eruieren lassen, präziser festzulegen. Ich habe die Zeremonie bei weißen Freizeitindianern kennengelernt, die in den achtziger Jahren von Lakotahäuptlingen angeleitet wurden. Als Matthes im folgenden Jahr durch meine Erzählungen erfuhr, dass er einige Tage in der Natur verbringen konnte, um indianische Kultur kennenzulernen, freute er sich, an einem Camp teilzunehmen. Er machte mich schon bald darauf aufmerksam, dass es deutliche Machtstrukturen gab, und, was ihn an meisten befremdete, es herrschte ein katholisches Klima, das gebot, dass Männer und Frauen nicht unbedeckt in die Schwitzhütte gehen durften. Unter Insidern, fand Matthes heraus, gelten die Lakota katholischer als die Katholiken. Auch gab es während eines Redekreises eine strikte Trennung von Männern und Frauen, zuerst spricht die Männerseite, erst dann die Frauenrunde; ebenso galten Frauen während ihrer Menses als unrein und durften sich nicht an den sogenannten Heiligen Handlungen beteiligen.

„Das eigentlich Interessante am Redekreis ist das kollektive Einschwingen auf die Fähigkeit mit dem Großen Geheimnis zu kommunizieren,“ sagte Matthes nach seinem ersten Redekreis, „das gemeinsame Zusammensein in einem großen Tipi, das Mutter Erde und Vater Himmel verbindet und die Gruppe symbolisch eint. Es entsteht die Qualität des Zuhörens, wenn einer spricht, während er sich mit dem Großen Geheimnis verbindet, oder es glaubt oder vorgibt. Unabhängig von den Drumherum-Ritualen erscheint es mir als zentrale Frage, was muss der Einzelne tun, um nicht sein Ego sprechen zu lassen, sondern sein Höheres Selbst, oder nennen wir es auch den Großen Geist, der Teil von uns ist.“ Das Ritual mit der sogenannten Heiligen Pfeife konnte er nicht ablehnen, wenn er sich nicht sofort als Outsider outen wollte. Es erschien ihm als falscher Anachronismus, ein unreflektiertes Übernehmen alter Sitten, gerade in Zeiten von Aids, Herpes und anderer westlicher Massenkrankheiten. Es ekelte ihn geradezu an, auch, wenn er dabei war, freundschaftliche Gefühle auszusenden und zu empfangen.

„Ein Redekreis hat seinen eigentlichen Sinn, um viele Menschen, die in einem Stamm zusammen leben, demokratisch zu einen,“ sagte Matthes in einer klaren Sternennacht, „hier gibt es jedoch kein wirkliches gemeinsames Ziel und es gibt keinen richtigen Stamm. Aber auch, wenn es hier keine tantrische Spielwiese gibt, finde ich die Idee des Redekreises faszinierend.“ Schon früh war für ihn klar, dass die gegebenen Möglichkeiten dennoch geeignet waren, seinen Sohn Ricci und seine Tochter Ella mit einem einfachen Leben bekanntzumachen, weit weg von den unmenschlichen Bedingungen einer Gesellschaft, für die Geld mehr zählte als Liebe. „Mehrere Tage auf Mutter Erde zu schlafen, im Wald umherzustreifen, die Kinder unbeobachtet spielen zu lassen und gleichzeitig ein Verantwortungsgefühl von anderen zu fühlen, draußen zu sein, vielleicht Freunde finden,“ sprach Matthes in vertrautem Ton zu mir, als ich ihn frug, warum er trotz all seiner Bedenken wieder auf ein Camp fahren wolle. Am liebsten hätte er sich mit Quodoushka-Indianern getroffen, doch das lag nicht in seinen Möglichkeiten und entsprach noch nicht dem Zusammenleben mit seinen Kindern. Aber die Idee des Redekreises ließ ihn nicht mehr los.

Formen des Miteinanders suchen

Eines Tages wanderte er mit Ricci auf einen nahe gelegenen Berg, um die Vorbereitungen für eine Übernachtung in einer alten Köhlerhütte zu treffen. Während Matthes das Innere der Hütte reinigte, schleppte sein neunjähriger Sohn schwere Bohlen von einem Ort zum anderen. „Es war ein Zufall, der mich nach Ricci sehen ließ,“ berichtete er, „zunächst ärgerte ich mich über ihn, dann wunderte ich mich über seine immensen physischen Kräfte und schließlich, nachdem wir alles in Ordnung gebracht hatten, sah ich am Horizont dunkle Wolken aufziehen. In den Momenten nach einem Konflikt ist Ricci normalerweise immer noch lange wütend, verständlich, vor allem, wenn ich sein Temperament bedenke, doch ich ahnte, dass vielleicht eine Regenfront aufzog. Wir machten also einen Redekreis, um herauszubekommen, ob wir weiter auf dem Berg bleiben konnten oder den Abstieg beginnen sollten. Das Große Geheimnis ließ mich wissen, dass uns wenig Zeit blieb, um im Trockenen nach Hause zu kommen. Ricci fühlte das Besondere dieser Situation, und ohne selbst mit dem Großen Geheimnis gesprochen zu haben, schlug Ricci vor, dass zu tun, was das Große Geheimnis mir gesagt hatte. Kaum waren wir in unserem Haus angelangt, begann es heftig zu regnen.“

Es dauerte lange, bis der Redekreis fester Bestandteil im Alltag von Matthes und seinen Kindern wurde. Vor kurzem fuhren Matthes und Ricci mit der Bahn in Urlaub an die Nordsee, genauergenommen in die Nähe der Nordsee, dorthin, wo Matthes als Kind und als Jugendlicher aufgewachsen war. Als sie zurückkamen, erzählte mir Ricci eine Geschichte nach der anderen. Für einen anderen Jungen wären seine Abenteuer vielleicht belanglos oder würden den Eindruck eines Lebens auf einem anderen Stern erwecken, doch ich jedenfalls fand sie bemerkenswert.

„Bei Papa weiß ich nie so genau, was als Nächstes passiert,“ erklärte mir Ricci, „kaum hatten wir den Bahnhof verlassen, hielt er sich den rechten Daumen in sein rechtes Ohr, spreizte die Hand so, als ob er ein Handy in der Hand hätte und dann sagte er mit verstellter Stimme zu mir: „Guten Tag. Hier spricht die Gute-Laune-Fee. Hast du etwas Zeit für dich?“ Ich sagte „Nein.“ Ich hatte keine Lust zum Scherzen. Kurze Zeit später klingelte das Phantasiehandy schon wieder bei mir. Doch diesmal war ich interessiert, denn ich sollte einen Tag lang gute Laune haben. Und die Telefonfee würde mir verraten, wie ich es anstellen sollte. Die Fee erzählte mir alles ganz genau und danach sollte ich Punkt für Punkt mit meinem Papa durchgehen. Zum Schluss gab sie mir den Tipp, Papa solle das Ganze ohne Wenn und Aber akzeptieren. Dann verabschiedete sich die Telefonfee. Anschließend bot ich Papa einen Tagesvertrag für Gute Laune an. Erstens, er durfte nicht mit mir schimpfen und laut dabei werden. Zweitens, er sollte immer ruhig und gelassen bleiben. Drittens, er sollte immer nett und freundlich zu anderen sein. Viertens durfte er mich nicht mehr kommandieren. Obwohl es nicht einfach für ihn war, hat er eingewilligt. Er hat im Urlaub eine Reihe von gelben und roten Karten einstecken müssen, aber ich habe ihm immer wieder verziehen, weil er sich so viel Mühe gegeben hat, den Vertrag zu erfüllen.“

Ricci grinste mich an, und dann war ich gefordert. „Würdest du so etwas auch mit deinem Kind machen?“ frug er mich. Ich brauchte einige Zeit, um darauf zu antworten, denn Matthes hatte mir sowohl von den Vorzügen als auch von den Nachteilen eines einseitigen Vertrages berichtet. Ricci merkte, was mit mir los war. „Weißt du was,“ sagte er dann zu mir, „Kinder brauchen gute Laune. Versuchs mal mit einem Tagesvertrag. Wenn Hendrik merkt, dass es ihm gut dabei geht, wird er dir bestimmt einen lebenslänglichen Vertrag anbieten. Sei mutig, Papa hat auch schon unterschrieben.“

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