Es war ihre erste gemeinsame Sylvesternacht. Ohne sich erkennen zu geben, hatte sich etwas Dunkles in die Welt von Solveig und Tammo geschlichen, still und heimlich, so daß beide später verzweifelt waren, Tammo mehr als Solveig, weil er jene Nacht mit einer tiefen Sehnsucht verband, um eins mit der Liebsten zu werden. Beide waren wie Liebende aus einem Bilderbuch, so romantisch, so verspielt – und zugleich weltlich, wünschend, miteinander redend, und zugleich sexuell, erotisch, verführend, Tabus brechend, wann immer und wo sie es konnten, wenn sie es denn wollten.

Der Abend hatte schön begonnen, mit einem freundschaftlichen Beisammensein mit Menschen aus Solveigs Welt, die Tammo am Nachmittag bei einem Spaziergang in einem Wald flüchtig kennenlernte. Er war glücklich, als er sah, daß Solveig von ihrer Freundin Ragna auf dem Feldweg umarmt wurde, er spürte ihre rollige Zufriedenheit, einen anderen Ausdruck hatte er nicht für dieses Phänomen, das sich ergab, wenn sie sich wohlfühlte und durch ihren Körper Rundheit ausstrahlte, Rundheit und Wärme, ein Phänomen, das ihn an den Bauernhof seiner Großmutter Ylvie erinnerte, an Minka, an die schnurrende Katze Minka, die ihm beigebracht hatte, Stimmungen zu erkennen, Wohlgefühl, das Bedürfnis nach Nähe und wolliger Wärme, die mit einem Schnurren das Wohlwollen und das Wohlfühlen zum Ausdruck brachte, und zugleich lehrte Minka die Notwendigkeit von Ferne, des Sich-Entfernens, um spielerisch die Nähe zu suchen und wieder sanft fortzutapsen, damit die eigene Energie wieder fühlbar werden konnte, um dann sich dem Streicheln zu ergeben, solange, bis Minka keine Lust mehr hatte und dem Spiel keine Aufmerksamkeit mehr schenken konnte, weil sie ein Impuls in eine andere Welt entführte.

Tammo war kein abergläubiger Mensch und dennoch spielte er mit, als sie alle zusammensaßen, um einem alten Brauch zu huldigen, weniger, um die Wahrsagerei mit Blei kennenzulernen, eher, weil er keinen Moment ohne Solveig verbringen wollte, weil er die Geselligkeit mit den anderen mochte und weil er keinen Grund kannte, um wirklich Nein sagen zu müssen. Es war belanglos und wiederum nicht belanglos; die Formen spielten für Tammo keine Rolle, nicht einmal die Worte – es kam nur auf das Gefühl an, auf diese unendliche Weite zwischen ihm und Solveig, auf die Vertrautheit und auf das nichthörbare Schnurren, das zum Ausdruck brachte, wie wohl sich Solveig fühlte.

Solveig und Tammo fuhren alleine mit ihrer lilaroten Ente auf den Rabenberg, der ihnen einen guten Ausblick auf das Feuerwerk über Wiesbaden bot, und dann, alles vorbei war, eilten sie zurück in die Stadt, ohne zu wissen, wie es weitergehen sollte; hungrig, irgendwie, doch unwissend, wonach sie sich sehnten. Solveig brachte sie in die Nähe des Ortes, zu dem sie gerne wollte, doch in Tammo sträubte sich alles, als er aus ihrem Mund hörte, sie wolle in eine Diskothek, deren Name Tammo kalten Marmor assoziieren ließ, kalte Männer und kalte Frauen aus einer Gesellschaftsklasse, die er schonungslos bekämpfte, weil sie, die Kinder der Reichen, der Adligen und der Nazis in einer anderen Welt lebten. Keinen Atemzug lang wollte er mit ihnen verbringen, niemals, für kein Geld in der Welt, wollte er das Schönste in seinem Leben – die Liebe, Solveig und das Tanzen – durch die Anwesenheit von geldgierigen Monstern vergiften lassen.

Warum sich Solveig entschloß, dennoch im kalten Steinbruch tanzen zu gehen, konnte Tammo nicht nachvollziehen. Warum er sich entschloß, für keinen Heller in die Welt des Poonagangsters zu gehen, war ihm nicht klar, weil er Solveig liebte. Das galt es später zu klären, doch in jenem Moment war er sich sicher, das einzig Richtige getan zu haben und kehrte alleine in die Wohnung von Solveigs Freunden zurück, legte sich bibbernd in das gemeinsame Bett und schlief traurig ein.

Kurze Zeit darauf trat eine andere Frau in Tammos Leben, blond, langhaarig, mit süßen kleinen Brüsten und zarten Händen, die eine Hand nahm seine linke Hand, die andere nahm ein Pendel und stellte ihm Fragen, ließ ihn einschlafen, um ihn dann wieder wachzumachen, zog ihn aus, erfreute sich am seinem Lingam, küßte ihn auf den Mund, nahm seinen Lingam wieder in die Hand und dann küßten sie sich so lange, bis die blonde Fee sagte: „Stopp, Tammo, stopp, nur einen kleinen Moment, und dann machen wir weiter.“

Tammo wunderte sich, daß auch Feen an Verhütung dachten, und während er dachte und stillhielt, fluchte die Fee zu seinen Füßen, weil das Präser geplatzt war.

„Kann passieren,“ summte die Fee eine Minute später, öffnete erneut das goldene Schatzkästlein und fand, was gefunden werden wollte, und fluchte alsbald, weil auch jenes dem mächtigen Drang Tammos nicht standhalten konnte. So lasen die beiden alsdenne aus Bhagwans rotem Büchelein, solange jedenfalls, bis die Fee zu der Stelle mit den bösen Revoluzzern angelangt war, die Tammo auf der Stelle wach werden und jeglichen Sex vergessen ließ, selbst sein Lingam war wieder so klein, daß er sich seine Unterhose anziehen konnte.

„Du schwitzt ja,“ sagte Solveig neben ihm. Tammo schaute sie an und fühlte, daß er fiebrig war. Er ließ sich auf das Kissen zurücksinken, um sich von Solveig unterstützen zu lassen.

„Wie spät ist es?“ fragte er leise; laut konnte er nicht sprechen, nur noch Krächzen, Bellen und Husten. Er hatte eine Bronchitis bekommen, und im Stillen fluchte er, daß er die Hände nicht lassen konnte, von dem verführerischen, von dem stänkerischen, von den Zigaretten, die ihn zerstören würden, wenn er so weiter machen würde. Eine Schachtel pro Tag. Solveig gab ihm als erstes frische Unterwäsche, cremte ihn ein und brachte schließlich Lindenblütentee mit Honig, eine Wohltat, die ihn seine Traurigkeit vergessen und einschlafen ließ.

Im zweiten Traum wanderte Tammo mit Malte, Finn und Ali durch eine Städtelandschaft, gelangte in ein Lebkuchenstädtchen, das bilderhaft schön war, mit vielen kleinen Knusperhäuschen, selbst mit einer Lebkuchen-Disco, in der sie sich bis in die Morgenstunden vergnügten und dort in Hängematten einschliefen, um alsbald von zauberhaften Huris, Freundinnen von Ali, geweckt zu werden, erfreuten sich nach dem Frühstück an den schönen Bauchtänzerinnen und wurden gen Mittag jäh hinausgeworfen, weil die Putzfrauen kamen.

„Ich weiß, wie es weitergeht,“ sagte Malte und wollte die drei in eine dunkle Ecke des Lebkuchen-Viertels ziehen, und deutete auf die Leuchtreklame eines Restaurants, das auf den komischen Namen „Zorba the Buddha“ hörte. Doch selbst im Traum wußte Tammo, daß das kein rechter Ort für ihn war.

„Warum denn nicht,“ fragte Malte, „wir haben alle Hunger und hinterher können wir da vielleicht den einen und den anderen Kontakt machen.“

„Nix Kontakt,“ stöhnte Ali, „alles Lug und Trug und böse Kapitalisten.“

„Sehr böse Kapitalisten,“ nickte auch Finn, und erzählte etwas über Selbstausbeutung und Zwangsdevisen nach Poona, Oregon, Zürich und einer Sheela-Domina und einem Bhagwan, der kein Bhagwan war. Dann wachte Tammo auf, obwohl er gerne seinen Kommentar geäußert hätte.

Im dritten Traum befand sich Tammo in dem Wagen eines rotorangenen Swamis, um in die Hölle zu fliegen. Selbst Tammo, der lange Zeit Taxifahrer war, erschien das Tempo zu schnell. Für Tammo war sein neuer Arbeitsplatz mehr Freizeitbeschäftigung, eine gut bezahlte, bei der er sich von türkischen Jugendlichen zum Backgammon-Meister ausbilden ließ und jeden Freitag mit den Youngstern als getane Arbeit herumhopsen durfte, tanzenderweise, und wo er Lenny, den Entertainer mitbrachte, um mit seinen Höflingen verbotene Szenen anzuschauen, während der Swami hektisch auf die Uhr schaute, um wieder nach Hause flitzen zu dürfen.

Doch die Youngster mochten keine Hilfssheriffs in ihrem Jugendtreff, beschlossen den Aufstand, machten mit Tammo einen Plan und besetzten alsbald das Häusle mit den grünen Metallfensterläden und den vielverschlossenen Schlössern, solange, bis eine junge Mitarbeiterin einen Herzinfarkt bekam und der Swami weinend zu den Chefs lief und ihnen verriet, daß Tammo der Böse war, der den Jugendlichen gesteckt hatte, daß sie, die Hilfssheriffs zu feige waren, um die richtigen Sheriffs zur Hilfe zu rufen. Genau in dem Moment, als die große Sitzung stattfand, das etwas jüngere Gericht, wie Tammo befand, um ihn aus dem Laden rauszuschmeißen, und nur noch geklärt werden musste, ob mit oder ohne Gewährung seiner Dienstbezüge, wachte er wieder schweißtriefend auf.

Im vierten Traum saß Tammos Freund Günter, das Wallraff, auf der marmornen Fensterbank seines Elternhauses, im Wohnzimmer, ganz in der Nähe des Bücherregals, und hielt lesenderweise Harold Robbins „Die Unersättlichen“ in den Händen.

„Aufregend, himmlisch aufregend,“ sagte Tammo zu seinem Freund.

„Ja so schön aufregend,“ antwortete Günter, „daß ich nicht einmal aufstehen könnte, wenn dein Alter hochkäme.“

„Es müssen ja nicht alle hochkommen,“ witzelte Tammo, ließ seinem Freund etwas Zeit und schaute aus dem Fenster, während er sich fragte, warum eine Trauerweide eine Trauerweide sei. Währenddessen betrachtete er die Marmorbank, die seine Hände kalt werden ließ, jedes Mal, immer dann, wenn er etwas anderes benötigte, immer dann, wenn er von der Schule zurückkam und sich die Weide ansah, immer dann, wenn er umarmt werden wollte.

„Ich mag keinen Marmor,“ sagte Tammo, während Günter weiter las, ohne ihm zuzuhören. „Er ist kalt, und in ihm ist all das Schöne eingeschlossen, was vor langer Zeit einmal geschehen war, genau wie bei meinem Vater, diesem kalten Nazi, der eine dicke Schicht von Marmor um sich aufgebaut hat, damit keiner in sein Innerstes schauen kann. Sollte ich einmal in meinem Leben in einem anderen Haus Marmor sehen, so werde ich flüchten.“

Aus dem Buch wurde eine Zeitung mit seinem Freund Günter auf dem Titelbild. Und da wußte Tammo, welchen Beruf er haben würde. Doch die Marmornen waren grausame Monster, die den Traum in einen Alptraum verwandelten. Die Fensterbank drohte auf ihn herabzustürzen, während Harold Robbins und Günter alles taten, um Tammo zur Hilfe zu eilen.

Zehn Jahre später wachte Tammo auf. Das Spiel hatte begonnen.

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