„Väter,“ dachte sich Eilert Hayen eines Morgens, zu einer Zeit, als die Kinder schon längst in der Schule waren, „Väter haben durch ihre Kinder die Chance, die Welt wieder neu zu entdecken. Ich kann wieder in der Sandkiste spielen, ohne dass die Nachbarn denken, ich sei regrediert, ich kann mit ihnen Schlittenfahren, Blumenkränze binden und sorglos auf dem Barfußpfad wandeln. Am liebsten gefällt es mir, mit ihnen die Kinderfilme zu entdecken, die ich damals nicht sehen konnte. Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga, und die Kinder aus Bullerbü.“

Eilert schaute seit geraumer Zeit mit den Kindern alle Folgen von Pan Tau. Er fand, dass der Mann mit Schirm und Melone wunderbarer schweigen konnte als ein verstorbener Guru, der teure Luxusschlitten fuhr. Pan Taus Augen waren einfühlsamer, sein Blick zeugte von einer liebevollen Seelentiefe und sein ganzes Sein war auf das Erfreuen von Kindern ausgerichtet. Das Schöne an Pan Tau war seine Einfachheit. Niemand würde auf die Idee kommen, ihn anzubeten. Oder sein Bild zu verehren.

Eilert Hayen, der an einer Bronchitis erkrankt war, hütete auf Anordnung seiner Frau das Bett. Kurz bevor sie zur Arbeit ging, empfahl sie ihm, mehrfach am Tage zu inhalieren. Weil Eilert ungeduldig und kraftlos war, bereitete sie schon alles vor. Sie stellte eine Schüssel auf den runden Küchentisch, gab eine Thymian-Myrrhe-Salbe dazu sowie ein großes Handtuch. Schließlich legte sie eine Pettersson-Findus-CD in die JVC-Mini-Anlage, weil sie wusste, wie gut ihrem Mann die lustigen Geschichten von Sven Nordqvist gefielen. Dann gab sie Eilert einen Kuss auf die Stirn, bevor sie mit ihrem dunkelblauen Mini-Cooper zur Arbeit in die nahe gelegene Redaktion fuhr.

Mittags, als Eilert die dritte CD mit dem urigen Gespann des alten Mannes und des sprechenden Katers beim Inhalieren hörte, hielt er plötzlich inne. Findus hatte einen alten Kindertrick mit Hennen ausprobiert, den er in einer abgewandelten Form aus seiner Kindheit kannte. Mit der Fernbedienung stoppte Eilert die CD – auch das ging kinderleicht unter dem großen Handtuch – und erinnerte sich an seine Kindheit.

Damals, als er neun Jahre alt war, hatte er ein altes Portemonnaie zurechtgemacht, es an einem langen Faden befestigt und auf einen Fahrradweg gelegt. Es lag nicht genau in der Mitte des Weges, eher am Rande, damit niemand den Faden sehen würde. Eilert hatte seinen Spass, wenn jemand vorbeifuhr, stoppte und zurückkehrte und dann nach allen Seiten lunzte, ob er oder sie unbeobachtet das Portemonnaie und seinen Inhalt an sich bringen konnte. Eilert zog erst im allerletzten Moment an der Schnur, kurz bevor die Finger das Portemonnaie ergreifen konnten. Während er hinter der dichten Buchenhecke still vor Schadenfreude gackerte, fluchte das habgierige Wesen am Wegesrand. Das machte dem Jungen nicht viel aus, denn zwischen ihm und dem anderen Menschen waren ein Graben, ein Jägerzaun, eine große Wiese, und wie gesagt, auch noch eine Hecke.

Trotz der lustigen Erinnerung spürte Eilert, dass er ein wenig traurig geworden war. Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre hatten die Erwachsenen anderes zu tun, als den Kindern zum Schlafengehen Märchen zu erzählen oder vorzulesen. Seine Großmütter tranken zwar Tee mit ihm, doch sie hatten leider nicht die Geduld und auch nicht die Muße, ihm Kindermärchen zu erzählen. Er kannte langes Autofahren zu wunderbaren Ausflugsorten, doch seine Familie war immer schweigsam gewesen. Vielleicht war das der Grund, warum er sich als Erwachsener nach einem Märchenonkel gesehnt hatte.

„Ein Grund von mehreren,“ verbesserte Eilert seinen Gedankengang und hustete heftig, als er an den alten Rattenfänger aus Poona dachte.

Eine Viertelstunde später lag er wieder im Bett. Die Pettersson-Findus-CD, die er ins Schlafzimmer mitgenommen hatte, startete er von neuem, direkt mit der Hahngeschichte. Obwohl er müde war, amüsierte ihn die Geschichte, die er mit seinen eigenen Gedanken neu inszenierte. Eilert konnte auf einmal nicht mehr aufhören zu lachen. Er erzählte sich selbst mit geringfügigen Änderungen eine witzige Begebenheit. Aufgeregt, wie er von diesem Moment an war, schlug er die Bettdecke beiseite und schrieb den Anfang einer kleinen Geschichte, die er irgendwann, wenn es ihm besser ging, in eine andere Geschichte einbauen und ausfeilen würde. Eilerts Geschichte bekam den Arbeitstitel: „Der Hahn, der ein Guru wurde.“ Aus Pettersson wurde Frerich, der Großvater, aus Findus wurde Timo, sein Enkel und aus Caruso, dem Hahn, wurde ein Guru. Dann brauchte er bloß noch fleißig den Originaltext mit geringfügigen Änderungen zu Papier bringen.

Der Hahn, der ein Guru wurde

Eines Tages brachte Frerich einen alten Hahn mit auf seinen Bauernhof. Timo, sein Enkel spielte mit den Hennen im Hühnerhof, als er mit einem Pappkarton in der Hand das Gitter zum Stall öffnete. Von Anfang an stand fest, dass der Junge den Hahn, den er als Monster bezeichnete, nicht mochte. Der alte Mann gab sich Mühe, die Anwesenheit des Hahnes zu begründen. Er habe ihn vor Nachbars Suppentopf gerettet und die Hennen würden ihn lieben. Dann fuhr Frerich fort:

„Wir sollten ihm einen neuen Namen geben. Bhagwan vielleicht. Was meinst du, Timo?“

„Ich finde, er sollte überhaupt nicht heißen,“ antwortete der Junge und streckte dem Hahn die Zunge raus. Der Hahn krähte ihm daraufhin bösartig, laut und gemein ins Ohr.

„Ich finde, er soll aufhören,“ jammerte Timo.

„Du wirst dich schon dran gewöhnen,“ meinte der Großvater.

„Ich?“, sagte Timo, „Niemals. Nie in meinem Leben.“

Timo beriet sich mit der Großmutter, die für solche Fälle immer eine gute Lösung parat hatte. Doch diesmal wusste die alte Frau auch nicht weiter. Außerdem hörte sie schon seit langem nicht mehr richtig, so dass es ihr nicht wirklich auffiel, welche verrückten Sachen der alte Hahn von sich gab.

Genauso sehr, wie Timo den Hahn verabscheute, desto mehr liebten ihn die weißen Hennen. Wohin er auch ging, stets blieben sie an seiner Seite und bewunderten alles, was er tat.

„Bhagwan findet so entzückende Sachen,“ krächzte Ma Dadadu.

„Selbst wenn er still ist,“ gackerte Ma Wackelpopo, „bin ich ganz von seiner Gegenwart erfüllt.“

Da kam ein Schmetterling daher und Bhagwan schrie ihn an, so laut er konnte.

„Mein Held,“ stöhnte Ma Seelo auf, „endlich mal einer, der uns beschützen kann.“

Timo war sauer; die verwirrten Hühner hatten nur noch Augen für Bhagwan.

Und wie endete die Geschichte? Bhagwan flüchtete, als er mitbekam, dass der Junge sein Spiel durchschaut hatte; der alte Hahn befürchtete nämlich, alsbald doch in den Suppentopf zu kommen. 

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