„Papa,“ sagte Jeronimo, „ab der nächsten Woche haben wir Sexualkundeunterricht.“ Was sollte Janto Hayen zu dieser Nachricht sagen? In Gedanken ging er alle Lehrerinnen der Grundschule durch, doch er erinnerte sich nicht an ein einziges Wesen, das freudig erregt einen Tantrakurs buchen würde. Leider.

Doch wie sollte er seinem Sohn beibringen, was ihn in der Schule erwartete? Natürlich bräuchte er nichts kommentieren, denn Jeronimo Hayen blickte auch ohne ihn durch. Plötzlich war Janto von einem Gefühl beflügelt, sich in die Rolle eines zehnjährigen Jungen hineinzuversetzen. Er hatte Lust bekommen, eine kleine Theatervorstellung zu geben, und sein liebster Zuschauer hatte Lust auf eine Aufführung.

Sexualkunde? Wer konnte da schon Nein sagen? Bevor es losging, holte Jeronimo einen schwarzen Hut aus ihrer Requisitenkammer und überredete Janto, einen schwarzen Anzug anzuziehen. Dann würde er fast wie Pan Tau aussehen. Janto sträubte sich anfangs, nur aus Spaß, und weil er noch müde war, so kurz und schön war die vergangene Nacht mit seiner Freundin Danaé gewesen.

Die schwarze Melone, die Jeronimo immer herausholte, wenn ihm etwas wichtig war, hatten die beiden ein Jahr zuvor in dem tschechischen Filmstudio Barrandov gefunden, als sie sich auf den Spuren von Pan Tau befanden. Jeronimo hatte vor der Reise darauf bestanden, eine schwarze Melone anzuschaffen, die Janto bei ihrer Recherche für den Fall aller Fälle tragen sollte, um die richtige Melone gegen ihren Bowler Hat auszutauschen, falls es ihnen gelänge, die Melone zu finden, die Inspektor Malek in der 33. und letzten Folge dem Untergang preisgegeben hatte.

Jeronimo überredete seinen Vater sogar, für die Dauer ihrer Unternehmungen einen schwarzen Anzug zu tragen, und die beiden übten stundenlang vor dem Spiegel Pan Taus stilles Lächeln und die zauberhafte Handbewegung, die wohl von Millionen Kinder auf der Welt nachgemacht wurde. Als die beiden in Prag endlich fündig geworden waren, gelang es ihnen in der Tat, den Bowler Hat gegen Pan Taus schwarze Melone auszutauschen.

Jeronimo war etwas enttäuscht, so einfach war es, ihre Aktion durchzuführen. Weil Janto Journalist war, hatte er ohne Schwierigkeiten die Erlaubnis bekommen, sich in den Barrandov-Studios ohne Führung umzuschauen; kinderfreundlich war es dort immer noch, obwohl schon viele Macher von der bezaubernden Abenteuerserie gestorben waren. Pan Tau war längst vergessen, und falls sich jemand doch an ihn erinnern würde, hätte er es nicht für möglich gehalten, daß eine kleine Requisite wie die schwarze Melone für Vater und Sohn wichtig sein sollte.

In ihrem Hotelzimmer hatte Jeronimo die schwarze Melone sofort aufgesetzt, einen Wunsch ausgesprochen und Pan Taus Handbewegung gemacht. Doch alles blieb so, wie es war. Selbst Monate danach konnte Jeronimo es nicht fassen und wollte Janto überzeugen, in den nächsten Sommerferien wieder nach Prag zu fahren, um nach einer zweiten Melone zu suchen. Seine Phantasie und seine Liebe zu diesem Film waren grenzenlos, und Janto, der auch Prag in sein Herz geschlossen hatte, unterstützte Jeronimos Wunsch.

***

Während sich Janto vor einem großen Spiegel verkleidete, verriet Jeronimo, daß es Frau Wurzelbacher war, die den Unterricht für Sexualkunde geben würde. Janto war geschockt. Wie sollte eine Lehrerin, deren Vorfahren Militaristen waren, etwas Sinnvolles in das Leben seines Sohnes bringen? Schon ihr Urgroßvater hatte in der Waffen-SS in vielen Ländern der Erde gemordet. Der Großvater war unter der Regie der alten Nazis dabei gewesen, eine neue Armee, die Bundeswehr, aufzubauen. Der Vater hatte am Krieg gegen Jugoslawien teilgenommen, und auch darüber hätte sie sich ausgeschwiegen, wäre nicht Jantos Nachbar, ein ehemaliger Hauptmann der Bundeswehr, redselig gewesen. All das, was Janto wissen mußte, hatte er eines Abends in einem griechischen Restaurant gehört.

Obwohl Frau Wurzelbacher noch jung war, schien sie eher männlich geprägt. An ihrem herrschsüchtigen Tonfall konnte jeder, der es wissen wollte, erkennen, welch Geistes Kind sie war. Sie würde eine Domina abgeben, dachte sich Janto im Stillen, während er die Information verarbeitete. Janto brauchte seine Zeit, bis er die Melone aufsetzte, so daß das Spiel beginnen konnte.

„Ich glaube,“ sagte Janto, „wir sollten deine Lehrerin als erstes fragen, was sie berechtigt, dieses durchaus interessant erscheinende Fach zu unterrichten. Würdest du ihr die Frage morgen stellen?“

Jeronimo, der sich vorstellte, wie die energische Frau Wurzelbacher auf diese Frage reagieren würde, schüttelte den Kopf.

„Du könntest sie immerhin fragen, ob sie Sex mag.“ Janto gab so schnell nicht auf.

Erneut drehte Jeronimo seinen Kopf. Langsam nach links, dann nach rechts und wieder nach links. Dabei grinste er.

„Oder ob sie sich damit auskennt, einen Orgasmus zu bekommen?“

Jeronimo wußte nicht, was ein Orgasmus war. Aber er ahnte es und lachte.

„Du willst nicht fragen?“

„Nein, ich werde mich überraschen lassen.“

„Dann werde ich es wohl tun müssen,“ sagte Janto und machte Pan Taus Handbewegung an der schwarzen Melone.

In dem darauffolgenden Moment passierte es. Janto hatte sich in einen zehnjährigen Jungen verwandelt; aus einem Grund, den weder Janto noch Jeronimo erklären konnte, funktionierte der Zauberhut. Beide schauten sich an, lachten, weil sie wußten, was am nächsten Tag passieren würde und lachten weiter, solange, bis sie keinen Ton mehr aus sich heraus bekamen.

Natürlich erprobten Janto und Jeronimo ihr neues Dasein den ganzen Tag, machten Klingelstreiche, zogen durch den Wald, bauten ein Tipi und hatten eine Menge Spaß dabei. Am späten Nachmittag gingen sie zu der kleinen griechischen Taverne, nahe am Waldesrand, weil sich Janto unsicher war, ob er in seinem neuen Körper richtig kochen könne. Janni, der Jeronimo in sein Herz geschlossen hatte, bediente die beiden Jungen sofort, auch wenn er sich erkundigte, ob Janto noch kommen würde.

„Er muß heute wichtige Aufgaben für eine Redaktion erledigen,“ sagte Jeronimo, „er kommt vielleicht später, wenn er noch Hunger hat.“

Eine gute Stunde später bastelten die beiden eine Postkarte, die beide ganz witzig fanden. Auf den ersten Blick konnte jeder erkennen, um welches Thema es sich handelte. „Endlich Sex,“ verkündete große Buchstaben, und mit kleinen Buchstaben ging es weiter, „ualkundeunterricht mit Frau Doktor Dr.med Wurzelbacher.“

Abends, als die beiden schlafen gehen wollten, beschlossen die beiden zwei Dinge. Erstens sollte sich Janto nicht zurückverwandeln, auch nicht für eine Nacht, denn beide waren sich nicht sicher, ob die Zauberei mit der Melone am nächsten Tag wieder gelingen würde. Und zweitens, daß sie beide am nächsten Tag sehr früh aufstehen würden, um zu schauen, ob sie nach dem Schlaf mit dem neuen Leben fortfahren könnten. Denn dann bräuchten sie mehr Zeit als sonst, weil es keinen Papa gab, der für sie sorgen würde.

„Wir könnten ja Pan Tau herbeizaubern,“ wünschte sich Jeronimo kurz vor dem Einschlafen.

„Das geht nicht,“ antwortete Janto „er ist schon vor ein paar Jahren gestorben.“

***

Am nächsten Morgen war die Welt anders als ihr Wunsch. Janto war wieder ein ausgewachsener Papa, der Jeronimo mit einer sanften Fußmassage weckte. Lange, bevor das Handy klingelte, war Janto wach und fühlte sich in das kommende Abenteuer ein, ging seine neue Rolle durch, bis er merkte, daß nichts stimmig war. Er wäre der Held, vielleicht. Aber das, worum es sich wirklich drehte, um Liebe, Freundschaft und natürliche Sexualität, das würde er nicht rüberbringen können. Eine Schule ist nicht der Ort, in dem Freundschaft passiert. Und deswegen verwandelte er sich wieder.

Jeronimo war traurig und konnte es nicht fassen, daß die Zauberkräfte nicht mehr wirkten. Janto erklärte ihm, daß es unfair sei, vor allem gegenüber den Jungen und Mädchen der Klasse. Und irgendwie unrealistisch. Schließlich könne ein „Neuer“ nicht so auftreten, wie sie es sich vorgestellt hatten. Egal, was Janto sagte, Jeronimo blieb still und sagte nichts. Er war wütend. Erst als er seine Jeansjacke anzogen hatte, umarmte er Janto.

„Tust du mir einen Gefallen?“ fragte er seinen Vater, „holst du die Postkarte?“

Janto stand am Fenster und winkte Jeronimo nach. Es würde etwas dauern, bis Jeronimo ihm verzeihen würde. Eine chaotische Einmischung in das Leben seines Sohnes wäre schlimmer gewesen. Nach einer kurzen Meditation zog sich Janto an, wanderte zu dem neuen Tipi und genoß die ersten Sonnenstrahlen.

Postscript

Durch Zufall entdeckte Janto den allerersten Pan-Tau-Film im Internet. „Ein kleines Trostpflaster,“ dachte er, während er sich den Film auf My Video anschaute, „das erste Abenteuer von Pan Tau. Es ist in der Tat nicht bei den DVDs dabei. Jeronimo wird sich freuen.“

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