„Ich flehe dich um Gnade an,“ flüsterte Maria lautlos, als sie die Tür des Hauptportals ihrer Schule öffnete, „Mutter Gottes, stehe mir bei, diesen Tag zu überstehen und beschütze Bjoerc, der mir praktischen Beistand leistet, auch wenn es nicht erlaubt ist.“ Maria überlegte auf dem dunklen Gang zum Klassenzimmer, ob sie etwas hinzufügen sollte. „Wenn es Frühling wird, werde ich Dir ein großes Beet mit Ringelblumen anlegen; das verspreche ich dir, egal wie die Note sein wird.“ Maria hatte noch nie mit der Gottesmutter ein Geschäft gemacht, und sie sprach immer aus dem Gefühl heraus. Sie lehnte Gebete als heuchlerisch ab.

Zehn Minuten später war sie erlöst. Frau Dr. Benneker, ihre Deutschlehrerin, die irgendwann den Spitznamen „Die Harnische“ erhalten hatte, war erkrankt. Das war ein Vorkommnis, das Maria noch nicht erlebt hatte. Für einen Moment dachte Maria darüber nach, ob Bjoerc nachgeholfen haben könnte, doch dann verwarf sie den Gedanken. Aus der Sicht der Stellvertreterin – eine junge Lehrerin, deren Namen sie vergessen hatte -, sollten sie sich dennoch an die Arbeit machen.

„Meinen Namen habt ihr nicht so oft gehört,“ sagte die Neue, „ich bin Renate Tietsch, ich habe Kunst und Deutsch in Oldenburg studiert, und ihr dürft mich duzen. Was mir genauso wichtig ist: Sagt niemals Fräulein zu mir. Ich bin eine Frau, auch wenn ich nicht verheiratet bin. Kommen wir nun zu dem Ereignis des Tages; ich habe mir überlegt, wie ich euch die Arbeit verständlich machen kann.“

Niemals zuvor hatte sich Maria bei einer Klassenarbeit so wohl gefühlt wie an diesem Tag. Renate Tietsch wollte es ihnen wirklich leichter machen.

„Ich schreibt nicht für mich, und denkt nicht daran, welche Ansicht ich über die Bilder habe. Bei der heutigen Bildbeschreibung dreht es sich um euch, um das, was ihr über den Künstler und seine Zeit wißt. Was am allerwichtigsten jedoch ist, sind eure Gefühle. All das, was ihr im Bild seht, bezieht ihr auf euch. Fangt an mit dem, was euch am meisten interessiert, laßt es lebendig werden, und fühlt, was ihr fühlt. Stellt eurem Interesse Fragen, werdet im Bild gegenwärtig und fühlt die Beziehungen der Darstellungen untereinander heraus. Egal was ihr schreibt, keine von euch erhält eine Note, die schlechter ist als eine drei.“

Auf einmal hatte Maria eine Eingebung, hielt ihren rechten Arm in die Höhe und sprach, als Renate Tietsch sie freundlich anschaute. „Darf ich vorher zur Toilette? Es ist wirklich dringend.“ Es gab keine Probleme mit der Neuen; die „Harnische“ hätte einen Aufstand gemacht und hätte sie lange Zeit zappeln lassen. Maria war sich ihrer Intuition sicher.

Als Bjoerc Maria auf sich zu kommen sah, wollte er sagen, daß sie Glück gehabt habe, weil er zu früh da war, doch er kam nicht dazu. Maria hatte ihren Zeigefinger auf die Lippen gelegt, und grinste, als sie mit der anderen Hand in Richtung Ausgang zeigte. „Du kannst gehen,“ flüsterte sie ihm ins Ohr, „die Harnische ist erkrankt. Ich schaffe es ohne dich. Das andere erkläre ich dir später.“ Dann ging sie rasch weiter, während Bjoerc erleichtert zum Ausgang ging, obwohl es zu früh für seinen Plattenladen war.

*****

Als Maria zurückkam, hatte sich der Klassenraum in eine Kunstgalerie verwandelt. Zusammen mit der neuen Lehrerin hatten die jungen Frauen große Kunstbilder aufgehängt, die Tische und Stühle verrückt, so daß genügend Nähe zum Betrachten und Platz zum Schreiben vorhanden war. Sie durften sich frei im Raum bewegen, bis sie sich sicher waren, über welches Bild sie schreiben wollten.

Es war das Bild der Psyche, das Maria magisch an sich zog, und wäre sie alleine mit der Frau, die John William Waterhouse gemalt hatte, so würde sie sich mit ihr über Nacktheit unterhalten, über ihre natürliche Schönheit, über Verführungskünste, über junge Männer, über das Küssen, über Sex und ihre Angst, schwanger zu werden. Maria traute sich nicht, ihre intimen Gedanken und Gefühle zu zeigen. Die Schule war kein Ort, um die schönsten Geheimnisse mit Lehrern zu teilen, auch wenn die Neue nett zu sein schien.

Das nächste Bild, das Maria schön fand, war der „Frühling“ von Heinrich Vogeler. Sie mochte es, ohne sich Gedanken zu machen, obwohl es ihr schwer fiel, sich von der Psyche zu lösen. Lieber wäre sie mit Bjoerc Hand in Hand zum Stadtpark gegangen, auch wenn sie noch nicht wußte, was danach passieren würde.

Während Maria sich einen Platz vor dem Frühling zurechtmachte, fiel ihr auf, daß sie angefangen hatte, mit dem Bild zu reden. Ohne Grübeln zu müssen, flossen die Worte.

„Martha Schröder war vierzehn, als sie Heinrich Vogeler kennenlernte,“ schrieb Maria aus ihrem Gedächtnis, denn sie interessierte sich seit langem für die Künstler aus Worpswede, „es machte ihr nichts aus, daß der junge Maler sechs Jahre, eigentlich fast sieben Jahre älter war. Sie mochte ihn und zeigte ihm all die bekannten und verborgenen Wege in Worpswede und an der Hamme. Er war zwar älter, aber sie war diejenige, die ihm half, das Weibliche zu entdecken. Gemeinsam überwanden sie alle Grenzen, die zwischen ihnen waren – und das waren nicht wenige.

Drei Jahre nachdem sich die beiden kennengelernt haben, malte Heinrich Vogeler Martha in einer Moorlandschaft. Martha trägt ein Kleid, das nur ein Künstler entwerfen konnte, ein wunderschönes türkises Blau, das vom Halsansatz bis zu ihren Füßen reicht, die Ärmel kräftiger in den Farben, versehen mit blau-grünen Blättern, während die Birken und Sträucher noch auf den Frühling und ihre Blätter warten, mögliches Anzeichen für ihre Ergriffenheit, vielleicht auch eine Symbolsprache Heinrich Vogelers, die mehr über den Sommer zwischen ihnen verraten mag.

Ein Vogel zieht die Aufmerksamkeit Marthas an sich, sie ist ruhig und gelassen, während sie mit ihm verbunden ist. In ihrer rechten Hand hält sie einen Teil des Rocksaums; es ist eine Haltung, die ihre zärtliche Kraft zum Ausdruck bringen mag. Ein blauer Himmel, und doch sind Wolken aufgezogen – Symbolsprache des Künstlers, die zum Ausdruck bringt, daß die Verbindung der beiden nicht erwünscht, sogar verboten werden soll. Auch wenn die Eltern von Heinrich Vogeler und die Mutter von Martha, eine Lehrerswitwe, so sagte man damals, auf einer Trennung bestanden, verlobten sich Martha und Heinrich sechs Jahre nach ihrer Begegnung, Martha war zwanzig Jahre jung.

Ein Jahr später heirateten sie, ihr erstes Kind wurde genau neun Monate später geboren. Sie nennen das Mädchen Marie Luise, und schon bald bekommt Marie einen Kosenamen: Mieke.

Martha und Heinrich waren Freunde, bevor sie sich verlobten. Worüber sie sich unterhielten, welche Herzensbindung sie haben mochten, können wir nicht erahnen. Nur ein symbolhafter Tümpel zu Füßen Marthas und der Birke, auf dem der Vogel sitzt, mag etwas über ein Geheimnis erzählen, das so selbstverständlich sein mag wie die Existenz aller Lebewesen auf dem Bild. Lassen wir es weiterhin ein Geheimnis sein; es sei denn, die Psyche der Liebenden mag uns im Stillen etwas über den Weg dahinter erzählen. Es gibt immer etwas, was erzählt, was angedeutet, was symbolhaft ist. Das Wirkliche dahinter ist nicht nachvollziehbar, doch die Tür zu der anderen Welt ist die Tür in uns, die wir selber öffnen können.“

Maria war weit vor dem Abgabetermin fertig. Sie fühlte sich zum ersten Mal wohl nach einer Klassenarbeit, wunderte sich über die Sprache, die aus ihr kam, konnte das Geschehen nicht richtig fassen, denn ihre Worte erschienen ihr literarisch, so als ob sie aus einer anderen Welt kämen. Maria lächelte, als sie ihre Schreibutensilien zusammenlegte und betrachtete das Bild, das sie sich selbst verboten hatte. Heimlich fing sie an, mit der offenherzigen Psyche in Kontakt zu gehen.


Aus:

Andros Maulwurf

https://androsmaulwurf.wordpress.com

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