Hinter den Hügeln der Vergangenheit, weit entfernt vom Hier und Jetzt, hinter langen Lebensphasen, irgendwo – fast im Dunklen – und irgendwie noch als Teil der Konditionierung erkennbar, die Schulzeit. Versunken im Meer der einstigen Unbewusstheit und des Unwohlseins wissen wir um Inseln des Wohlgefühls, heute nur noch mit den Booten eines Zeitreisenden erreichbar.

Noch gibt es kein kollektives Bewusstsein, noch trinken wir den Schlummertrank des Vergessens, nicht ahnend, wie vergiftend die Tat war, solange jedenfalls, bis wir die Pforten der Bewusstheit öffnen und Gift in Medizin verwandeln können. Die kollektive Frage nach dem Erinnern löst sich auf in die ursprüngliche Lebensaufgabe. Die essentielle Frage lautet: „Wer bin ich?“ und nicht „Wer bist du?“ oder „Wer sind wir?“

Solange das menschliche Bewusstsein nicht von bedingungsloser Liebe erfüllt ist, stellt sich die Frage, welche Bedeutung Begegnungen haben. Wenn zwei Menschen sich im Leben begegnen, so stehen sie – wenn sie in die Tiefe gehen wollen – vor der Aufgabe, den Raum zu leeren, ihn freizumachen von den jeweiligen Eltern, von den Verwandten und Ahnen, von den Geschwistern und Nachbarn, von den Lehrern und Idolen eines Lebenszeitraumes, in dem elementare Konditionierungen geschehen sind. Herzlichkeit, Natürlichkeit und Authentizität sind gesunde Spurenelemente auf dem Weg.

Ist der Raum endlich gereinigt, so bleiben vier Wesen, der eine und der andere Mensch, jeder von seinem Inneren Zeugen begleitet. Erst in diesem Moment kann Kontakt, Kommunikation und Liebe stattfinden. Bis diese Situation annähernd erreicht ist, sind wir Spielbälle der Vergangenheit, beherrscht von dem Wechselspiel aus Konditionierung, Prägung und Projektion, gezüchtete Persönlichkeiten, weit von jeglicher Individualität entfernt.

Menschen auf dem Weg, die sich freiwillig oder zufällig treffen, finden sich sympathisch oder unsympathisch. Eine Begegnung braucht Zeit und Raum, um sich entfalten und entwickeln zu können, um das jeweilige Maß an Nähe und Distanz herauszufühlen und zu gestalten, um sich dem Geschenk des Lebens, der gegenseitigen Unterstützung, hingeben zu können – oder auch nicht, wenn sich das Gegenüber zu sehr im emotionalen und seelischen Kontrastbereich befindet.

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Weit hinter den Hügeln der erlebten Vergangenheit sind deutlich die Vulkane, Moore und Untiefen der braunen Vergangenheit erkennbar – sowohl für die Menschen, die sich nach Liebe, Frieden und Einheit sehnen als auch für die Menschen, die den Status von Hass, Krieg und Schizophrenie aufrechterhalten. Es obliegt jedem Einzelnen, auf der Suche nach dem eigenen Ich um den nächsten Schritt zu wissen.

Gelegentlich benötige ich Informationen aus anderen Zeiten im Hier und Jetzt. Meistens reise ich alleine zu den Orten hinter den Hügeln der Vergangenheit. Manchmal besuche ich die Inseln der Liebe und Freundschaften, erfreue mich an den einzigartigen Perlen der zärtlichen Nähe und der unmittelbaren Verbundenheit; selbst vierzig Jahre erscheinen mir nahe, ohne in Illusionen von Träumen und Möglichkeiten zu zerrinnen.

Es sind Lebensthemen, die mich die Schleier des Vergangenen öffnen lassen, manchmal sind es lange Phasen der Verletzungen, die ich mir genauer anschauen will, um mich durch ein bestimmtes Material zu arbeiten. Das sind Zeitreisen, um Wunden zu öffnen und nach der geeigneten Methode der Heilung zu suchen. Für den Aussenstehenden sind diese Ausflüge kaum nachvollziehbar; sie geschehen im Stillen und enden mit einer tiefen Transformation, ohne Hass und ohne Rache.

Die Methoden sind mannigfaltig. Die ersten beiden Lebensjahrzehnte benötigen in ihrer Bedeutung, Vielschichtigkeit und den Verstrickungen besondere Aufmerksamkeit. Um das Geflecht von Konditionierungen und Prägungen zu durchschauen, ist mühsame Sisyphus-Arbeit notwendig. Um sich selbst nicht zu zerstören, ist das Werk nicht mit einer Herakles-Mentalität zu bewerkstelligen. Inneliegende Landschaften des Zorns, des Hasses, der Traurigkeiten, der Nebel. Verbunden mit Landschaften der Fröhlichkeit, der Freude und Zärtlichkeit. Landschaften der Verwirrungen, der Härte und der Kargheit. Und doch gibt es keine Landkarte für die Reise in die inneren Welten.

Das Überwinden der Zerrissenheit erfordert sich selbst zu akzeptieren, manchmal benötigen wir ein Interregnum zwischen dem alten und neuen Ich. Allemals benötigen wir Zeit und Geduld, und wenn wir Glück haben, schenken uns die Menschen, die wir lieben, die Zeit und das Verständnis, um das tun zu können, was wir brauchen, um ganz zu werden.

Zeitreisen im Hier und Jetzt benötigen sicherlich Mut, und zugleich eine Dynamik, um die unterschiedlichsten Emotionen freizulegen und auferstehen zu lassen. Nicht, um ein blindes Wirrwarr neuer Verletzungen wach werden zu lassen, sondern um bewusst und lebendig zu leben, um das Herz zu reinigen, um in Liebe leben zu können. Es ist nicht nur das Karma, das Bewusstheit erfordert. Es dreht sich um das Wohlergehen aller Lebewesen und um die Zukunft dieses Planeten.

Die Perlen des Lebens finde ich in meinem Herzen wieder; nicht, dass ich sie absichtlich gesammelt habe, um ein Museum einzurichten, wohl eher, weil das Herz ein Ort der Liebe und Freundschaften ist, ein unsterbliches Refugium, zeitloser Raum der innigen Verbundenheit. Ich erinnere mich gerne an die Inseln der Liebe, der scheinbar flüchtigen und intensiven Momente des Zusammenseins; nicht um festhalten zu wollen, eher um ein Geschenk in seiner eigentlichen Bedeutung wahrzunehmen, dem geliebten Menschen einer anderen Zeit eine Botschaft aus der Gegenwart zu schicken, einen andächtigen Hauch von Dankbarkeit.

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Dafür brauchen wir keine Klassentreffen. Denn die Schule als solches ist ein Ort des Gegeneinanders, des Vergleichens und des Konditionierens. In Schulen wurden Kriege vorbereitet, und die Schule, die ich besuchte, war Wegbereiter des Faschismus. Ich bin mir dessen bewusst, und ob es andere auf diese Weise wahrnehmen und bewerten, ist eine ethische Angelegenheit.

Doch wofür sind Klassentreffen dann gut? Diese Frage stelle ich mir heute – ohne eine Antwort zu wissen. Nur mit wenigen Menschen war ich befreundet. Diese Menschen, mit denen ich viele Stunden verbrachte, lagen mir damals am Herzen. Obwohl wir Freunde waren, trennten sich unsere Wege. Ich weiß nicht, was geschehen sollte, damit das Interesse am anderen Menschen entstehen kann. Damals kannte ich die Mehrheit der Klasse nicht; wir haben uns weder in der Klasse, weder in der Pause unterhalten noch sind wir zusammen in der Disco gewesen.

Schule als solches ist kein kleinster gemeinsamer Nenner, um ein paar Stunden in der Gegenwart zu verbringen. Es gibt keinen Club der toten Dichter, es sei denn, jemand hätte die Absicht, einen Club der Künstler zu gründen – und sei es nur informell.

Wie würde Richard, der nicht mehr unter uns weilt, die Angelegenheit betrachten?

Obwohl wir in der neunten Klasse einen bösen Affront miteinander hatten, standen wir uns dennoch nahe, als wir 1973 nach Prag fuhren. Wir waren bereit, unsere scheinbare Freiheit aufs Spiel zu setzen. Im Berliner Sound kauften wir Dope, das für ein paar Tage reichen sollte, transportierten es durch die DDR und die Tschechoslowakei, hatten irgendwie eine Menge Spaß und an den Grenzübergängen Angst. Richard hatte eine wunderbare Liaison mit einer wunderbaren Frau, und hinterher gab es keine weiteren Berührungspunkte. Aber das Experiment hatte ein wichtiges Ziel. Es drehte sich um die Erfahrung von Bewusstsein.

Das Umgehen mit Liebe, Freundschaft und Bewusstsein. Könnte das eine Brücke zueinander sein?

Februar 2013

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