Was passiert, wenn sich zwei Menschen begegnen? Sehen sich beide Menschen an, indem sie den Augenkontakt zueinander suchen? Oder gehen die beiden aneinander vorbei, obwohl sie dem Anschein nach zusammen in einem Raum sind?

Ein Portrait der Tanztherapeutin Lelia Strysewske
Von Burkhardt Nowak

Jeder Mensch hat Wünsche, Gedanken und Gefühle. Im gleichberechtigten Zusammenleben können alle Wünsche zum Ausdruck kommen, können Gedanken ausgesprochen und Gefühle gezeigt werden. Von Moment zu Moment – von Augenblick zu Augenblick – gestaltet sich dann eine Wirklichkeit, die sowohl eigene Bedürfnisse als auch das Wohlergehen des anderen Menschen ermöglicht. Doch was ist, wenn dieses Gleichgewicht zwischen dem Du und dem Ich nicht existiert?

Die Therapeutin Lelia Strysewske entwickelte in den vergangenen Jahrzehnten eine Kombination aus Tanz und Therapie, die es dem einzelnen Menschen erleichtert, seine eigenen Verhaltensmuster spielerisch zu entdecken, wahrzunehmen, anzuerkennen und je nach Wunsch und Situation zu verändern. Des Menschen Wunsch nach Selbsterkenntnis (Wer bin ich?) setzt die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung voraus.

Selbstwahrnehmung basiert auf dem Konzept, dass es in jedem Menschen eine Gabe zur Selbstbeobachtung gibt. Das Instrument der Selbstbeobachtung wird auch als Innerer Zeuge bezeichnet. Der Zugang zum Inneren Zeugen, zur Selbstbeobachtung lässt sich schulen, sodass wir – rein theoretisch – jeden Moment in der Lage sind, bewusst zu erleben, was wir im Zusammenleben mit anderen Menschen machen oder uns wünschen.

Wie sieht der tanztherapeutische Weg in ein Leben aus, das im Hier und Jetzt passiert?

Tanz ist Lebensfreude. Im Tanz widerspiegeln sich unterschiedliche Aspekte unseres Seins. Im Tanz lassen sich mit Leichtigkeit Gefühle und Stimmungen ausdrücken. Körper und Seele fangen an, sich zu unterhalten, indem Bewegungen und Gebärden auf sich selbst aufmerksam machen. Erkennbar sind sowohl psychische Konditionierungen als auch Impulse des Inneren Selbst. Die Tanztherapeutin arbeitet insbesondere mit zwei wesentlichen Ausdrucksprozessen – dem primären Prozess und dem sekundären Prozess.

Die Spuren, die sich im sekundären Prozess zeigen, kann die Therapeutin erkennen und Mut zum Verstärken, zum Ausprobieren machen. Sind im primären Prozess beispielsweise enge Verhaltensweisen sichtbar, so kann sie ermuntern, den sekundären Prozess, der den Wunsch nach Weite ausdrücken will, mit großen und raumgreifenden Schwingungen zu unterstützen.

Welche Rolle spielt die Therapeutin in den Momenten, indenen – oftmals kleine – Gebärden das Potenzial zu größeren Veränderungen mitteilen und einleiten wollen?

Im Tanz mit sich selbst lässt sich die eigene Lebenskraft, der Mut zur Ekstase und zur Trance wiederfinden. Findet dieser Tänzer oder diese Tänzerin einen neuen Tanzpartner, so gewinnt anfangs oftmals das gewohnte Verhaltensmuster trotz scheinbarer Ich-Stärke wieder an Kraft. Die Tanztherapie entwickelt hier ein Konzept, das Sich-Erleben mit anderen genauer wahrzunehmen. Es gibt die Möglichkeit, den anderen Menschen aus der Nähe zu erfahren – und dabei Selbst zu sein. Und es gibt die Möglichkeit, den anderen Menschen aus der Ferne zu beobachten – und dabei sein Selbst wieder zu finden.

Der Übergang von Distanz zu Nähe gestaltet sich individuell unterschiedlich. Für den einen mag dies ein großer Schritt sein, für die andere ein kleiner Schritt sein. Wichtig ist es, die eigenen Grenzen bewusst zu spüren. Es lässt sich der Mut zu entwickeln, die Grenzen zu überschreiten. Oder – auch das ist möglich – den Wunsch zu spüren, die eigenen Grenzen ohne psychischen Druck von innen oder außen ganz einfach zu akzeptieren. Wenn alles klappt, hilft die Tanztherapie zu einem selbstbewussten, liebevollen (und manchmal auch humorvollen) Umgang mit sich selbst. Und natürlich auch mit anderen Menschen.


Aus

Friedland-Magazin

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