Als Burcado Nowak fünf Jahre alt war, wollte er Schreiben und Lesen lernen. Weil seine Mutter dagegen war, hatte er viel Glück und bekam ein Geschenk, das er erst viele Jahre später zu schätzen wusste. Das Nein der Mutter führte zu einer Lösung, die Zeit bedeutete. Zeit zum Spielen, Zeit zum Erkunden, Zeit zum Erleben. Man könnte auch sagen, er habe Pech gehabt, weil sein Interesse zur falschen Zeit ausgebremst worden war. Egal, wie man die Entscheidung der Mutter bewerten mag, es war so, wie es war.

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Eine Lehrmethode des Kreativen Schreibens ist das Errichten einer künstlichen Blockade, einer Methode, die dem Stauen eines Flusses gleicht. Wasser lässt sich nicht wirklich stauen; tut man es, so wird der Lauf eines Baches für kurze Zeit angehalten, eine ungeheure Kraft staut sich an und schon bald bricht sie mit all ihrer Macht hervor, um die Blockade aufzulösen. Burcado hatte viele Lehrer, die den Fluss des Lebens aufhalten wollten; Deutschlehrer, Englischlehrer und Französischlehrer, beispielsweise.

Als er sich an Latein heranwagte, gab sich der Lehrer besonders streng und verbot jegliches Lachen im Unterricht. Eines Tages brach das Lachen aus dem jungen Schüler heraus; Grund genug für eine lange Strafarbeit, die ihm das Schreiben erst richtig vergällen sollte. Der Vorfall leitete eine lange Periode der Enthaltung ein, zunächst strich der Adoleszent das Fach Latein aus seinem Stundenplan, dann widmete er sich an vielen Tagen dem Nachempfinden des Lebens seines literarischen Heldens namens Tom Sawyer.

Um Zeit für seine Studien zu haben, blieb er dem Unterricht fern, so oft es ging und schulte seinen Erfindungsgeist für glaubwürdige Ausreden. Mal hielt er morgens das Fieberthermometer an eine Glühbirne, bevor ihn die Mutter wecken würde, mal ging er mit einem schmerzverzehrten Gesicht zum Lehrer, um nach der ersten oder zweiten Stunde Unterrichts seinen Freigang zu organisieren, mal verirrte er sich auf dem Weg zur Schule im Wald, kam etliche Stunden zu spät und akzeptierte die Strafe, die auf ihn zukommen würde.

Es sollte fast drei Jahrzehnte dauern, bis Burcado befand, dass er weiße Blätter in einer Schreibmaschine liebte. Zu jener Zeit lebte er zwangsweise zum Broterwerb nebenbei als schreibender Journalist, der den einen Teil seines Berufes – die Philosophie von Land und Leute – liebte und die andere Seite, das Verschriftlichen, verabscheute. So sass er stundenlang vor einem weißen Blatt, ging in Gedanken das Erlebte durch, bis er nach etlichen Ansätzen die richtige Idee fand, um auf eine Weise zu erzählen, die ihm gefiel.

Das Geheimnis war einfach. Er unterhielt sich zunächst mit einer imaginären Person, meist war es seine Großmutter, dann erzählte er sich selbst das Erlebte, und zwar auf eine Weise, als ob er noch nie das Geschehen erlebt habe. Er erfand das Erlebte neu und zwar so, dass ihm selbst nie langweilig wurde, mit dem Erfolg, dass es seinen Lesern und Leserinnen genauso erging.

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Die Ursache lag in seiner frühen Kindheit begründet. Der Vater hatte einen runden schwarzen Teller mit goldenen Buchstaben über dem Schreibtisch seines großen Bruders aufgehängt, und als der Junge endlich lesen konnte, entzifferte er mühsam die Worte: Laß Dir Zeit. Im Bücherregal entdeckte er Karl May, den Meisterlügner des Schreibens, und Kurt Wilhelm Mareks Götter, Gräber und Gelehrte. Dieses Werk inspirierte ihn, dass er zum Archäologen des Lebens wurde. Zunächst ermunterte ihn das Buch, die verbotenen Schätze der väterlichen Bibliothek freizulegen, sei es John Steinbecks oder Harald Robbins Werke, bis er mit Sinuhe, in den Schuhen des Ägypters, die hohe Schule des Schreibens studieren konnte.

Nach der Einführung in das Leben als Journalist begann Burcado das Lehren des Kreativen Schreibens mit einem Konzept, das so ungewöhnlich war, dass die Leiterin einer Volkshochschule blass wurde, als sie von einer Apothekerin erfuhr, dass er die Teilnehmerinnen eines Schreibworkshops mit roten Rosen betörte, sie Musik der vier Elemente auswählen liess und sie durch Tanzen derart in Ekstase versetzte, dass selbst die älteste Teilnehmerin im Alter von achtzig Jahren zum Derwisch wurde.

Nach dieser Erfahrung beschloss der Autor, seine Schreibworkshops selbst zu besuchen und wählte fortan Methoden, die ihm angemessen erschienen, ohne Drogen das Leben nachzuempfinden und ein Konzept des Lügens zu entwickeln, das nahe an der Wirklichkeit war, und phantastisch genug, um selbst an das Geschriebene nicht nur glauben zu können, sondern um sich und andere zu beflügeln.

Es war wieder einmal sein Vater, der sich als sein bester Lehrmeister darstellte. „Du kannst alles tun, was du willst,“ sagte sein erzieherisches Leitbild, „nur darfst du dich niemals ertappen lassen. Geschieht es jedoch, dass man dich erwischt, brauchst du für alles eine Ausrede, die glaubwürdig klingt.“ Und das macht einen guten Text aus. Jede Geschichte, die mehr als ein Abbild der Wirklichkeit ist, mag streng genommen eine Lügengeschichte sein. Doch herauszufinden, welcher Teil eines Textes der Wirklichkeit entspricht oder auch nicht, dürfte für die Leser schwer sein.

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Manchmal übt sich Burcado darin, die Wirklichkeit so zu erzählen, wie sie gewesen sein könnte. Manchmal übernimmt er ungeniert Erzählungen, beispielsweise die seiner Großmutter oder einer lieben Frau aus dem Nachbarort, weil er es mag, andere Menschen einfach mit dem Leben zu erfreuen, wie es ist. Fragt man ihn, warum er das tut, antwortet er mit einem Lächeln im Gesicht, dass er keine Zeit gehabt habe, um sich etwas Neues einfallen zu lassen, und zwar so, dass man ihm nicht glauben mag, was er jetzt erzählt. Man könnte auch dabei denken, dass er sein Rezept für die Geschichten nicht preisgeben mag.

Liest man die Geschichten ein zweites oder drittes Mal, so stellen wir fest, dass es egal ist, ob eine Geschichte wahr sein könnte oder auch nicht. Selbst der Spaziergang an der unmenschlichen Grenze ließe sich hinterfragen, aber wir tun es nicht, weil wir wissen, dass es so gewesen sein könnte.

Vielleicht ist Grenzüberschreitung der richtige Begriff, um das Wesen seiner Kurzgeschichten zu beschreiben, durchdrungen von einer Macht der Liebe, zu den Dingen, Menschen und Geschichten des Lebens, garniert mit dem Erfahrungsschatz eines Künstlers, der Mensch ist, der es liebt, einfach zu sein und die Geheimnisse des Lebens zu entdecken.

Postscript

Es sollte allerdings nicht verschwiegen werden, dass es insbesondere zwei Lehrer des Mariengymnasiums Jever gab, von denen sich Burcado gerne beeinflussen ließ. Zunächst Professor Joachim Beyer, der Kunst und Kunstgeschichte unterrichte, so dass seine Inspirationen auf fruchtbaren Boden fielen. Und dann der geniale Mathematik- und Physiklehrer Erwin Heye, der seine Schüler mit einer Botschaft verblüffte, die ihnen besagte, er könne sogar mit Skat den Unterricht eröffnen, nur um ihr Interesse zu erwecken und um sie wachzumachen, damit sie präsent seien und nicht in einer anderen Welt Zuflucht suchen würden, als in seinem eigenartigen Kosmos von Beweisführungen.

Endlich, kurz vor dem Abitur, offenbarte er seinen Schülern eine Wahrheit, die wir für das gesamte Leben benötigen. „Innerhalb eines Systems,“ sagte er mit einer sachlichen und ruhigen Stimme, „können wir alles beweisen, selbst das System selbst. Um ein System, eine Lehrmeinung oder eine Philosophie erkennen zu können, müssen wir die Axiomatik des Ganzen ergründen.“

Doch das wirkliche Leben habe keine Axiomatik, fuhr Erwin Heye nach einer kurzen Pause fort. „Irgendwann stößt der Wissenschaftler an Grenzen, wo er mit seiner strengen Methodik nicht mehr weiter weiß. Das ist der Bereich, an dem das Unerklärbare, das Mystische und die eigene Religiosität beginnt.“ Mein Gott, war das ein Pauker.


Aus

Das Buch Jahreszeiten

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