Seit ein paar Wochen spiele ich „With the Beatles“. Morgens zum Frühstück, Mittags zum Essen machen und Abends zum Abwaschen. Das Jahr 1963 brachte meine erste „erotische“ Verabredung mit sich. Alleine die Geschichte, wie sich alles in einem Volkswagen einfädeln ließ, könnte Dich auf eine Reise in Deine eigene Vergangenheit schicken.

Eigentlich wollte ich Dir nur schreiben, daß ich die Musik der Beatles immer noch sehr gerne mag und daß Du, falls Du keine Scheiben von ihnen hast, bei last.fm oder YouTube vorbei schauen kannst, um Deine Augen und Ohren verwöhnen zu lassen.

Eines Morgens – ich glaube, ich war gerade neun Jahre jung, fragte ich meinen Freund Tjard, ob er nicht vorne beim Herrn Pfarrer sitzen wolle. Damit Du die Zusammenhänge besser verstehst, sollte ich noch erwähnen, daß ich damals zu einer katholischen Minderheit im evangelischen Friesland gehörte. Deswegen kam der Kirchenmann mit seinem Volkswagen und holte seine Schäfchen ab; ohne uns zu fragen, ob wir denn wollten.

An diesem Morgen wußte ich, was ich wollte. Tjard wollte auch. Tjard wollte vorne sitzen. Ich saß auf der Rückbank; links neben mir saß Gesa, die ein Jahr jünger war als ich und rechts neben mir saß Inga, ein Jahr älter als ich. Wir verabredeten uns zum näheren Kennenlernen, zu einer natürlichen Entdeckungsreise der Geschlechter.

Allein das Wort „Nackt“ war eine Herausforderung. Meine Eltern waren so verklemmt, daß ich nie auf die Idee gekommen wäre, einmal Doktor spielen zu wollen. Das natürliche menschliche Antlitz war mir nicht vertraut und so – dem Herrn Pfarrer und Tjard sei Dank – fanden wir einen wunderbaren Weg, um mit einer künstlerischen Darbietung unsere Körper zu zeigen.

Mein Vater und die Mutter der beiden Mädchen waren auch miteinander verabredet; mein Vater, der Friseur, machte der Mutter ein Dauerwelle; eine Angelegenheit, die uns zur Erfüllung unserer Wünsche reichlich Zeit ließ. Nach einer wunderbaren Idee – jeder von uns kam einzeln nackt auf die improvisierte Bühne im Wohnzimmer – waren wir irgendwie verlegen.

„Ich weiß nicht, wie es weiter geht,“ sagte ich, „denn ich habe die Spielregeln vergessen.“

Das Vermächtnis der katholischen Erziehung – die schwarze Pädagogik – fing wieder an zu wirken. Der Mut, miteinander noch mehr Erfahrungen machen zu wollen, wich einer unausgesprochenen Angst. Uns blieb nicht anderes übrig, als aufzuräumen und in den Zimmern der Deerns weiter zu spielen.

Und genau darum ging es bei den Beatles 1963 für mich. Um ganz einfache Empfindungen. Um das kindliche Ausdrücken, um das natürliche Forschen, Suchen und Ausprobieren.

„It won’t be long, yeah.“

Das Wissen und die Fähigkeit, hinter die Kulissen schauen zu können, konnte ein neunjähriger Junge nicht haben. Dafür hat mich die Beatles-Fotografie von Robert Freeman schon damals fasziniert und inspiriert.


Vorwort zu dem Roman

TABU

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