Matthes hielt sich mühsam an einer Baumwurzel fest. Nichts ging mehr, das war sein vorläufiger Eindruck. Der Weg zurück zu einem rettenden Baumstamm war zu steil, um einfach loszulassen und ein paar Meter unkontrolliert im freien Fall zurückzulegen. Der Weg nach vorne zu einem anderen Baumstamm war noch steiler und steiniger.

Dreißig Meter entfernt stand Bella, ein kinderlieber Boxer, der ihn heute aufmerksam beobachtete, aber auch nichts anderes tun konnte als abzuwarten. Matthes spürte, wie seine Angst zu nahm und wie sein Atem stockte. Er erinnerte sich an einen alten Trick, schloß die Augen, atmete dreimal tief durch. Sein Atem mußte wieder zum Fluß werden, dann würde er auf eine Lösung kommen. Nur nicht denken, nur nicht die Augen aufmachen.

Die Zeit verlangsamte sich und plötzlich spürte Matthes, daß er wieder sicher war. Er beschloß, sich keine großen Gedanken über seine Kleidung zu machen. Daß würde zwar richtig Schelte geben, aber das nahm er in Kauf. Er legte sich mit seinem ganzen Körper auf die Erde und ließ die Baumwurzel los. Langsam rutschte er Stück für Stück nach unten. Mit seinen Händen krallte er sich fest in die Erde. Endlich spürte er einen Baum an seinen Füßen. Seine Rutschpartie war beendet. Er atmete tief durch.

Auf einmal sah er einen Weg, auf dem er sich gut hochhangeln konnte. Eine Viertelstunde später hatte Matthes es geschafft. Er hatte sein Ziel, die Köhlerhütte auf dem Bocksbühl, auf einem neuen Weg erreicht. Sein Freund Marcus stand im Eingang der Hütte. Bella rannte auf ihn zu, sprang ihn an und bellte so kräftig wie sie konnte.

„Hallo Erdferkel,“ begrüßte ihn Marcus.

Matthes guckte grimmig in Marcus Augen.

Marcus schaute mit offenen Augen zurück, grinste und sagte dann: „Bist Du wie ein Wildschwein durch den Wald gerobbt? Wie wäre es zur Entspannung mit ein paar Haselnüssen, Marzipan und einer Partie Schach?“

Matthes war halbwegs versöhnt, nahm etwas zum Knabbern in den Mund, doch Schachspielen mochte er nicht.

„Es gibt Probleme.“

Marcus schüttelte den Kopf.

„Es gibt keine Probleme, Matthes, es gibt nur Aufgaben. Aufgaben lassen sich lösen, Probleme ziehen dich runter. Wechsel mal deine Einstellung. Das Leben kann so einfach sein.“

„Dann hör mal bitte zu. Die Deutschaufgabe lautete, ein Gedicht von einem langverstorbenen Dichter namens Schiller auswendigzulernen, du weißt schon. Es heißt: Der Taucher. Oder: Blubb blubb, weg war er.

Der hat auch noch andere Dinger gemacht, so mit was weiß ich wieviel Strophen. Da habe ich nun wirklich keinen Bock drauf.“

Marcus amüsierte sich köstlich, wenn er Matthes zu hörte und schob sich dabei das letzte Stück Marzipan in den Mund.

„Ich habe alle Tricks versucht, Marcus. Aber jedes Mal, wenn ich glaubte, eine Lösung gefunden zu haben, war es ein Schritt ins nächste Verderben.

Beim ersten Mal, als Frau Doktor Hartung mich dran nehmen wollte, mußte ich zum Klo. Einen Tag später meldete ich mich vor der Deutschstunde wegen Zahnschmerzen zum Doktor ab. Beim dritten Mal habe ich das Buch auf das Pult gelegt und abgelesen. Pustekuchen. Die zieht mir also das Buch unter meiner Tarnung weg und sagt anschließend: „Matthias, das hat Konsequenzen. Deine Eltern bekommen ein Brief von mir.“ Den Tag darauf habe ich also krank gemacht, blieb zu Hause und fand den Brief tatsächlich in der Post. Also habe ich das Ding herausgefischt und habe eine Woche lang Ruhe gehabt.“

Marcus wieherte. Dabei verschluckte er sich an den Haselnüssen und prustete die kleinen Stücke auf Matthes Felljacke.

„Macht nix“, sagte Matthes, „aber dann ist meine Lehrerin vollends ausgetickt. Ohne mit mir zu sprechen, hat sie bei meinem Alten anzurufen. Sie hat ihm gesagt, ich hätte nur noch eine einzige Chance. Montag muß ich es vor der ganzen Klasse vortragen. Ohne Tricks. Scheiße. Merdes alors.“

Seit dem Matthes Französisch hatte, war das sein liebstes Schimpfwort.

Inzwischen waren auch Lucy und Tomaso gekommen. Mit ihnen war der Bocksbühler Geheimbund vollständig.

Tomaso schüttelte den Kopf: „Matthes, so fortschrittlich wie du bist, müßtest du die Mnemotechnik kennen“.

Marcus feixte: „Tomaso, Matthes kennt bloß Legotechnik. Und weißt du, wie lang das Gedicht ist? 27 Strophen. Für eine Strophe braucht Matthes fünf Minuten, dann wiederholt er nach sieben Minuten, und arbeitet weitere drei Minuten an seinen Fehlern. Nun multipliziere das Ganze mit siebenundzwanzig.“

„Macht 405 Minuten.“ Lucys Rechenkünste verblüfften die Freunde immer wieder. „Und das sind fast sieben Stunden. Wer kann das schon wollen?“

Tomasos nächster Vorschlag war Superlearning.

„Bach, Vivaldi, Mozart. Himmlisch. Du hörst den Kram beim Lesen, legst abends das Buch unters Kopfkissen und das war‘s.“

Matthes Augen rollten.

„Hab ich schon ausprobiert. Man muß das Ganze aber noch in Teile zerlegen, irgendwie betonen und rhythmisch dazu trommeln. Oder so. Das bringt es nicht. Jedenfalls nicht bei der Länge. Außerdem steht da noch ein weiteres Problem vor der Tür. Ich bekomme in Englisch einen blauen Brief. Und ich brauche endlich einen vernünftigen Computer.“

Angesichts der Tatsache, daß es keine direkte Lösung für Matthes gab, beschlossen Lucy, Tomaso und Marcus mehrheitlich das Problem zu vertagen.

„Red’ mal mit deinem inneren Vater und mit deiner inneren Mutter“, kommentierte Marcus zum Abschluß, „das macht mein Vater auch immer. Der sagt, daß sein inneres Kind die Lösung schon längst weiß und er nur zu hören muß.“

Alle kicherten, bloß Matthes nicht.

Lucy eröffnete dann die offizielle Sitzung des Geheimbundes.

„Wir haben einen Brief aus der 5b bekommen. Viele Schülerinnen und Schüler wollen ihre Lehrerin nicht mehr haben. Frau Müller schreit die Schüler oft an, ist in vielen Entscheidungen und Benotungen nur ungerecht, kann nicht kindgerecht erklären und verschlampt Schulaufgaben von einzelnen Schülern. – Ich habe das Ganze nach geprüft und alle Vorwürfe stimmen.“

„Und wo liegt das Problem?“ wollte Marcus wissen, „wenn die Eltern hinter ihren Kindern stehen, dann ist die Müller bald weg vom Fenster.“

„Es gibt keine Mehrheiten bei den Eltern“, erklärte Tomaso. „Ich habe den Fall Müller recherchiert. Dabei ist herausgekommen, daß sie schon mehrfach von einer Schule zur nächsten zwangsversetzt wurde. Die Schulleitung weiß Bescheid, mag aber keine Konsequenzen ziehen, weil es sonst zu offensichtlich wäre, daß sie für diesen Beruf nicht geeignet ist.“

Matthes schaute jedem einzelnen ins Gesicht und fing zu reden an: „Ich glaube, daß wir in diesem Fall von unserem Prinzip der Positivberichterstattung abweichen dürfen und müssen. Eine Schülerzeitung darf sich auch gegen eine Lehrerin aussprechen. Voraussetzung ist, daß alle Recherchen stimmen und wir allen Beteiligten, auch Frau Müller, die Möglichkeit zur Selbstdarstellung geben.“

Am kommenden Wochenende durfte Matthes sein Zimmer nicht verlassen. Der blaue Brief war angekommen und er mußte fleißig auswendiglernen. Zumindest dachten seine Eltern, daß er das auch täte.

Matthes hingegen hörte drei CDs, die ihm Marcus Vater ausgeliehen hatte. Zwischendurch schrieb er an seinem neuen Computer den Artikel für die Schülerzeitung und einen Kommentar in puncto Frau Müller. Irgendwann legte er das Englisch-Lernprogramm von Addy in das CD-ROM-Laufwerk und freute sich darüber, daß er seine Eltern im Sinne seines Lernfortschritts für einen neuen Computer überzeugen konnte.

Der folgende Montag wurde für den Schiller-Vortragenden Matthes zum vollen Erfolg. Frau Dr. Hartung wunderte sich zwar über die vielen langen Pausen bei Matthes Gedicht, aber schließlich konnte sie genau sehen, daß Matthes keine Hilfsmittel zur Verfügung hatte.

Matthes hingegen war kaum aufgeregt, als er kurz vor der Stunde den MP3-Player von Lucy in der Hosentasche verstaut und einen Ohrclip unter seinem langen Haar, unsichtbar für unerwünschte Blicke, angebracht hatte. Nur das Lucy das Gedicht extrem langsam aufgesprochen hatte, verwirrte ihn ein wenig.

Ein halbes Jahr später wurde Matthes zusammen mit seinen Freunden aus dem Geheimbund in die siebte Klasse versetzt. Die Lehrerin Müller allerdings wurde viele Jahre früher, als sie es sich vorgestellt hatte, aus dem Schuldienst entlassen.

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Friedland 2003

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