Drei Monate nach dem Schlaganfall traf ich meinen lieben Kollegen Janto Hayen in der Käseglocke, einem Café am Rande des Hohen Meißners. Er hatte gute Laune, und das ist grundsätzlich etwas, was unsere gemeinsame Schnittmenge bildet. Wir bezeichnen es als spirituelle Fröhlichkeit, ein fast irrealer Zustand, der den widrigen Umständen des Lebens nicht gerecht wird.

„Sind wir Entertainer der Leichtigkeit?“ fragte mich Janto im Viertelrund des Kaffeeraums nahe der Feuerstelle. Er sah, dass ich leicht nickte und anfing zu schmunzeln. „Ich weiß nicht, wie lange ich noch leben werde,“ fuhr er fort, „und so möchte ich dich bitten, mich zu interviewen, damit ich leichter Abschied nehmen kann, wenn es denn so sein sollte.“ Janto blieb vage, und ich wusste nicht, ob ich mich über sein Vertrauen freuen oder meine Melancholie nachfühlen sollte. Ich fand es interessanter, Fragen zu stellen. Er hatte ebenfalls einen Schlaganfall erlitten.

„Könntest du gehen, ohne etwas zu vermissen?“

Es schien so. Janto war ernst, doch er lächelte. „Ich habe wohl alles erlebt,“ antwortete er,  „was ein Mensch und ein Mann leben sollte. Ich habe einen Baum gepflanzt, ein großes Haus gebaut, ein paar Bücher geschrieben und zugesehen, wie meine Großmutter die Kühe gemolken hat. Ich liebe meine Kinder und ihre Mütter. Alle Frauen, mit denen ich zusammen war, haben einen Platz in meinem Herzen bekommen. Ich habe das Leben immer geliebt, auch wenn ich nicht finanziell reich war. Vielleicht war das sogar die Bedingung dafür, um in vielen Momenten grundlos glücklich zu sein, jedenfalls in diesem Leben. Mir kam es darauf an, das Geld ehrlich zu verdienen und möglichst wenig Steuern zu bezahlen. Es ist mir unmöglich, die Rüstungsindustrie der Matrix und ihren Unterdrückungsapparat in irgendeiner Weise zu unterstützen. Ich habe nach Nischen gesucht, um meinen Traum von Freiheit zu verwirklichen, auch wenn ich nicht in absoluter Freiheit gelebt habe.“

Dann grinste er und fügte hinzu, dass er Nischen gefunden habe. Gerne hätte ich seine Worte kommentiert, aber das hätte seinen Gedankengang gestört. Mir blieb nichts anderes übrig, als wieder einmal zu nicken und mich von seiner Fröhlichkeit anstecken zu lassen. Dennoch wollte ich mehr über seine mögliche Entscheidung, und sei es nur eine Annäherung an seine Beweggründe, in Erfahrung bringen. Ich wollte gerade mein Statement formulieren, da begann er schon mit der Antwort. Es gibt wenig Menschen, die so sensitiv sind wie Janto.

„Körperlich geht es nur noch bergab mit mir. Tag für Tag verschlechtert sich meine Physis, ich kann nicht mehr richtig gehen, ich kann kein kontinuierliches Gleichgewicht spüren. Zuerst war meine rechte Seite betroffen, und da war es nur das Bein. Dann zogen die Schmerzen und eine gewisse Taubheit in den rechten Unterarm, bis sich eines Tages der Zustand auch im linken Bein verschlechterte. Ich habe seit einem Jahr keine Aufträge, und zugleich habe ich keine positiven Prognosen für die finanzielle Situation. Es gibt einen kleinen Schuldenberg, eigentlich ist es nur ein Hügel im Vergleich zu Leuten, die sich einen Mittelklassewagen mit einem Kredit anschaffen. Was mir am meisten Sorgen bereitet, ist jedoch das Zusammenspiel bestimmter Interessen, die Hintermänner der politischen Szenerie, die Bilderberger und Illuminaten. Die Situation bedeutet Krieg und Faschismus, und zwar mit solch einer negativen Qualität, die noch schlimmer sein wird als das, was ab 1933 in Deutschland geschehen ist. Damals gab es noch Hoffnung, fliehen zu können, auch wenn es sich aus heutiger Sicht als Illusion herausstellte. Wilhelm Reich wurde in einem amerikanischen Gefängnis ermordet, Stefan Heym musste sich in der DDR seinen Weg bahnen, obwohl er nach Prag wollte. Keiner weiß, wie viele ehrliche Kommunisten im Einflussbereich von Josef Stalin ermordet worden sind.“

Wir unterhielten uns über unterschiedliche westliche Staaten, erinnerten uns an Woodstock, und machten einen Spaziergang in der hügeligen Landschaft, bevor wir eine Burg fanden, die die besten Voraussetzungen bot, unser Gespräch mit vertiefenden Sichtweisen weiterzuentwickeln.

2

Das Burgcafé war einmal eine alte Bauernschänke gewesen, die Atmosphäre hatte durch das dunkle Mobiliar etwas Schweres an sich, auch wenn die Besucher nicht rauchten. Die Menschen waren sich nah, und selbst dann, wenn leise gesprochen wurde, reichten wenige Stichworte aus, um den Gehalt eines Gespräches zu erahnen. Zwei Paare erregten meine Aufmerksamkeit, die eine Gruppe, weil sie miteinander schwiegen und sich still in die Augen schauten, die andere, weil sie zwar ruhig miteinander redeten, doch ein Konflikt schien die Situation zu überschatten. Ich war froh, dass sie würdevoll miteinander umgingen.

Janto entdeckte eine alte Bekannte und verabschiedete sich für kurze Zeit. Er liebt den intensiven Kontakt mit Frauen, selbst wenn er momentan keine sexuelle Ambitionen hat. Janto war vorsichtig geworden, weil er nicht genau wusste, ob er an einer bakteriellen Krankheit litt. Nach zwanzig Minuten saß er mir gegenüber, irgendwie verändert, mit einem Lächeln wie das einer Mona Lisa, auch wenn er nicht schwanger werden konnte.

„Ihr kennt euch,“ sagte er, bevor er sich setzte. Auf einmal erinnerte ich mich. Es war Cecil, und wir hatten vor zwanzig Jahre schöne Stunden miteinander verbracht, sehr nahe, wenn auch nicht sexuell. Es hätte vielleicht den Beginn einer Freundschaft darstellen können, wenn ich nicht misstrauisch gewesen wäre. Ich wollte die Kontrolle über den Lebensentwurf einer Frau haben, auch wenn das unmöglich ist. Cecil, die im Aufbruch begriffen war, nickte mir freundlich zu, als sich unsere Augen begegneten. So setzten Janto und ich unser Interview fort.

„Wie lange willst du noch leben?“

Kaum wahrnehmbar zuckte Janto mit den Schultern. „Ich habe es schon zweimal versucht. Die Methode nennt sich Sterbefasten. Nicht Essen, nicht Trinken. Es ist gut, um die Dimension Tod besser zu verstehen, es ist nichts Drastisches, keine Kurzschlusshandlung, etwas Sanftes, um zu schauen, was geschieht. In dieser Zeit besteht die Möglichkeit, das Leben zu reflektieren und zu fühlen, wie sich die Kräfte zwischen Tod und Leben verhalten. Ich habe gespürt, wie sehr ich das Leben liebe, und dass ich Tag für Tag Zeit habe, mich den Themen anzunähern, die ich sonst niemals bearbeitet hätte. Ich habe die Angst vor der Angst verloren, die Angst vor der Schere im Kopf. Wenn der Tod dein Freund ist, kannst du deine gesellschaftlichen Analysen ungeschminkt mitteilen. Indem ich ehrlich den Spuren und Impulsen folgte und die Kraft hatte, politische und spirituelle Konstellationen zu hinterfragen, konnte ich Erkenntnisse gewinnen. Ich glaube, dass meine Arbeit jetzt getan ist. Es handelt sich insgesamt also um zwei Aspekte. Zum einen die Ängste als Thema wahrnehmen. Und parallel ein konkretes Thema als solches. Meine Lebensaufgabe ist erfüllt, weil meine Erfahrungen in das kollektive Bewusstsein übergegangen sind. Es lassen sich Nischen finden, vorausgesetzt, dass ich auf Reichtum verzichten kann. Ich konnte meine Talente und Fähigkeiten erkennen, gestalten und vervollkommnen. Ich habe in Einklang mit meiner Vision gelebt, mit meiner Lebensaufgabe. Es wäre toll gewesen, wenn es mit der Revolution geklappt hätte, aber die Zeit war noch nicht reif. Heute weiß ich, dass es ohne große und langwierige Aufstände nicht gehen wird, auch wenn wir manchmal spirituell zaubern können und eventuell kosmische Verbündete haben. Doch die Lehren aus den Erfahrungen der Unterdrückten zeigen, dass die Matrix nicht unbegrenzte Ressourcen haben wird, weder materiell noch zeitlich. Die Mehrheit der Völker braucht neue Kommunikationsmodelle und Konzepte, um die Matrix zu stürzen. Gelingt dieser Prozess, so kann die Arbeit innerhalb einer Generation geschehen sein, vielleicht aber auch zwei oder drei. Das kann ich nicht erkennen, auch wenn ich eine neue Zuversicht erlangt habe. Aus meiner Sicht bin ich Kundschafter für die Zukunft gewesen.

Janto verblüffte mich mit seiner Analyse und Selbstdarstellung. Die Neuigkeiten wollten verstanden und verdaut werden. Wir ließen uns Zeit und aßen Bratkartoffeln mit Spiegeleiern und Gurken. Auch wenn die Kellnerin erwartete, dass wir ein zünftiges Bier dazu trinken würden, blieben wir bei unserer Entscheidung. Alkoholfreies Kristallweizen hat durchaus einen guten Geschmack. Die Note des Gut-Drauf-Seins ist unabhängig von Rauschmitteln, nur es braucht Zeit, das zu erkennen und in die Tat umsetzen zu können.

Nach dem Essen wollte ich wissen, ob Janto zur Revolution aufrufen wollte, doch er mochte sich so nicht verstanden wissen. „Es kann auch zu Bewusstseinssprüngen kommen,“ meinte er. „Ich bin nur ein Mann in den besten Jahren und behalte meine Erkenntnisse für mich. Ich liebe friedliche Übergänge.“ Und dann wurde er still und verabschiedete sich mit einer Geschwindigkeit, die ich nicht erwartet hatte.


 

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