Andro Fuchs war dreißig, als er an das Werner-Heisenberg-Gymnasium kam. Als er die schwere Holztür des Eingangsportals öffnete, nahm er einen Geruch wahr, den er noch aus seiner eigenen Schulzeit kannte. So blieb er auf der Schwelle stehen, um sich zu vergewissern, ob es sich wirklich um Angst handelte. Doch er hatte sich nicht geirrt.

Auf dem Weg ins Sekretariat traf er eine Entscheidung, die weitreichende Folgen haben sollte. Mit all den Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, wollte er den Unterricht verändern. Schon bevor er Pauker wurde, wußte er um die Inhalte, mit denen er sich während des Studiums beschäftigte. Er benötigte sechs Semester, um sich Kenntnisse über den Faschismus anzueignen, weitere sechs für das Wissen, das aus dem Osten kam. Das Philosophieren war ihm fremd geworden, als er für ein Jahr Indien als Rucksack-Tourist erkundet hatte.

Die Schüler der 9b waren verunsichert, als Andro Fuchs mit dem Deutschunterricht begann. Nur zwei Schülerinnen – Sandra Mühlena und Anne Bauer – fanden ihn sofort sympathisch. Björn Roselieb, der gleichzeitig mit seinem Stuhl kippelte und an einem Bleistift die Abdrücke seiner Vorderzähne hinterließ, schwankte zwischen Skepsis und Vertrauen. Schon oft war der junge Schüler von Lehrern drangsaliert worden. Doch die Art, wie der neue Pauker den Unterricht begann, gefiel ihm. Die Aufgabe, die Björn und seine Mitschüler lösen sollten, war nicht abstrakt. Er brauchte nur aufzuschreiben, was er gerne mochte. Die Fragen lauteten: „Was sind meine Hobbys? Welche Talente und Fähigkeiten schlummern in mir? Wem kann ich damit behilfreich sein?“

Zum ersten Mal in seiner Schulgeschichte überlegte Björn nicht lange. Bevor es ans Schreiben ging, das er sonst als lästig empfand, wurden Kleingruppen gebildet. Als Björn mit Anne redete – sie hörte zu, und er sprach; er konnte das, was er empfand, in einfühlsame und lebendige Worte ausdrücken – da erzählte er ihr, daß er am liebsten im Wald spazieren ginge. Und daß er Jimi Hendrix, Santana und Deep Purple mochte. Und Grobschnitt. Björn schaute Anne in die Augen, schluckte und sagte: „Und ich bin gerne mit dir zusammen. Dann fühle ich mich wohl, das Denken fällt mir leicht und das Reden. Es ist alles so einfach, so unkompliziert und so,“ er zögerte, „so lieb und so freundschaftlich.“

Jeder hatte sieben Minuten, um von sich zu erzählen. Schließlich schrieb Björn seine Gedanken auf. Als er auf seine Fähigkeiten kam, schrieb er: „Am besten kann ich photographieren. Ich liebe es, meine Freunde und meine Freundinnen zu portraitieren. Das könnte mein Beruf sein, um andere Menschen glücklich zu machen. Damit sie sehen können, was ich in ihnen sehe. Ich glaube, daß meine Sicht der Welt andere Menschen verändert. Vielleicht in ihrem Selbstbewußtsein bestärkt. Ich möchte mit meiner Photographie zum Frieden beitragen.“

Am Ende der Stunde hatte Andro Fuchs den ersten Durchbruch erzielt. Nur die Schüler, die kaum aus ihrer Haut gingen, die genau wußten, was sie aus der Sicht ihrer Eltern werden wollten, bei denen das Berufsziel, die eigenen Interessen und Fähigkeiten weit auseinanderklafften, bereiteten ihm Sorge.

Zwei negative Eindrücke beschäftigten ihn auf dem Weg ins Lehrerzimmer. Ein Junge namens Nils Dürr – er wollte Physiker werden – hatte ihn verächtlich angestarrt. Ein anderer Junge, der den gleichen Namen wie der Nazi- und Natogeneral Hans Speidel trug, hatte ihm Kaugummi kauend nahegelegt, normalen Unterricht zu machen.

„Ich weiß genau, was sie wollen,“ hatte Hans Speidel gesagt, „aber damit kommen Sie bei mir nicht an.“

Andro Fuchs wunderte sich, daß ein fünfzehnjähriger Schüler zu solch einer Haßattitüde fähig war.

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