„Beek,“ sagte die alte Frau und schaute die Psychologin vergnügt an, „jetzt weiß ich es wieder. Ich heiße Beek.“ Dann machte sie eine Pause, richtete den Blick auf den Blumenstrauß, der auf dem Tisch stand. „Komischer Name, nicht wahr? Ich weiß auch nicht, was sich meine Eltern dabei gedacht haben. Muß wohl an den Zeiten gelegen haben.“

Die Psychologin verstand nichts. Der Name Beek war ihr sehr geläufig. Warum regte sich die alte Frau bloß über diesen Namen auf? Und was sollte die Geschichte mit den Eltern bedeuten? Sie ärgerte sich über die verlorene Zeit und über die Kraft, die sie ihrer Ansicht nach in den Gesprächen mit Demenzkranken verlor. Plötzlich stand die alte Frau vor ihr.

„Sehen Sie,“ sagte sie, „hier steht Beek drauf.“

Die Psychologin, die ihren Gedanken schon weit voraus geeilt war, warf einen Blick auf die kleine Karte, die die Frau mit der Hand wedelte. „Frau Katarak, das ist ihre Versichertenkarte von der BEK. Nun setzen Sie sich bitte wieder hin.“ Die Psychologin führte Frau Katarak vorsichtig zu ihrem Stuhl. Drei Minuten später versuchte sie es noch einmal. „Können Sie mir sagen, wie Sie heißen?“

Frau Katarak nickte. „Wollen Sie wissen, wie ich heiße oder wer ich bin?“

„Meinetwegen auch das,“ antwortete die Psychologin mürrisch.

„Ich erinnere mich da an eine Fernsehsendung mit einem braunen Schweinchen, einem Gong und einer Tafel, auf der der jeweilige Künstler ein Häkchen machen durfte, je nachdem, ob er angestellt war oder nicht. Dann gab es ein Team. Ich glaube, Guido Baumann war mit von der Partie. Und Hans Sachs. Und Annette von Klarentin. Oder Arentin? Und eine gewisse Marianne Koch. Und der Showmaster hieß…“

Frau Katarak stoppte. „Erinnern Sie sich gar nicht mehr, mein junges Fräulein, an diese schöne Sendung? Sagen Sie mir mal, wie der Showmaster hieß.“

„Robert Lemke,“ antwortete die Psychologin pflichtbewußt.

„Eigentlich,“ fuhr Frau Katarak fort, „hätte die Sendung nicht „Wer bin ich?“ heißen dürfen, sondern „Was bin ich?“ Finden Sie nicht auch? Oder hieß die Sendung doch „Was bin ich?“ Huuuch junge Frau, jetzt haben Sie mich durcheinander gebracht.“

Die Psychologin schüttelte den Kopf und versuchte es erneut. „Frau Katarak, wie heißen Sie mit Vornamen?“

Nach einer kurzen Pause stöhnte die alte Frau kurz auf, lächelte und sagte zu der Psychologin: „Können Sie mir bitte ihr Handy geben? Ich setze den Joker und frage meinen Sohn. Einverstanden?“ Die Psychologin holte ihr Handy aus der Handtasche.

Frau Katarak gab eine zwölfstellige Zahl ein, drückte auf die Verbindungstaste, wartete, legte die Hand auf das Mikrofon, flüsterte mit einem Seitenblick auf die Psychologin „Falsch verbunden“ und legte dann wieder auf.

„Noch einmal,“ sagte sie dann energisch und gab wieder eine Abfolge von zwölf Ziffern ein. Nachdem sie gute zwanzig Minuten mit ihrem Sohn über das schlechte Essen in der Klinik gesprochen hatte, klappte sie das Handy zu und gab es der Psychologin zurück.

„Elvira,“ sagte sie dann, „Elvira.“

Die Psychologin kam sich langsam dumm vor. „Ja, ich heiße Elvira,“ antwortete sie mit einer deutlich unwirschen Stimme. „Aber ich möchte gerne wissen, wie Sie heißen!“

„Ich heiße Elvira Katarak,“ sagte die alte Dame. Die Psychologin wurde rot. Sie hatte völlig vergessen, daß ihre Klientin den gleichen Vornamen hatte wie sie. Dann klopfte es an der Tür und der Sohn von Frau Katarak betrat das Zimmer. Spontan erhob sie sich und sagte: „Frau Katarak, Sie haben gleich den Termin mit dem Sozialberater. Da verabschiede ich mich schon mal.“

Der Sohn von Frau Katarak war anderer Ansicht. „Meine Mutter ist schon fast wieder so schnell wie eine Antilope. In drei Minuten hat sie den kurzen Weg geschafft.“

Die Psychologin setzte sich wieder hin und hielt einen kurzen Vortrag über das Beziehungsdrama von Müttern und deren Söhnen unter besonderer Berücksichtigung von Vorspiegelung falscher Tatsachen, Illusionen und emotionaler Abhängigkeit und daraus resultierender Falscheinschätzung.

„Außerdem benötigt ihre Mutter ein Gedächtnistraining. Suchen Sie mit ihr nach der Entlassung aus der Klinik unbedingt die Evangelische oder Katholische Kirche auf. Oder eine andere Beratungsstelle. Vielleicht gibt es auch ein Seniorenheim mit einem Gesprächskreis und Gedächtnistraining.“

„Meine Mutter ist mental weitaus besser drauf als vor ihrem Unfall,“ sagte der Sohn, während Frau Katarak heftig widersprach. Schließlich verabschiedete sich die Psychologin mit einem erneuten Hinweis auf die Zeit.

Frau Katarak fing an zu lachen, als die Tür geschlossen war.

„Du bist mir ein Schelm,“ sagte sie zu ihrem Sohn gewandt, „erst sagst du mir, daß ich den Leuten was vormachen soll. Dann gebe ich mir beste Mühe und du brauchst nur zwei Sätze, um meine Glaubwürdigkeit zu erschüttern. Und wie soll ich jetzt die Pflegestufe bekommen?“

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