Das Ende der drei Affen

Mag der Himmel morgens um sieben ein Grau in sich haben, das nicht den natürlichen Umständen entspricht, so ist der Verlauf des heutigen Vormittags etwas seltsam gewesen. Im Traum erschien mir ein indischer Patriarch, der mir erzählte, daß er vor fast dreizehnhundert Jahren gelebt habe und mich in einer dringlichen Mission aufsuchen müsse.

Er sei der Erfinder der drei Affen, eigentlich seien es ja vier gewesen, aber das sei aus heutiger Sicht nicht so wesentlich. Es handele sich um eine einzige Grundfrage. Ästhetik sei das Entscheidende für ein erfülltes Leben. Ob ich denn etwas dagegen hätte, wenn wir das Thema in unserer traumhaften Welt ein wenig erörtern könnten. Weil ich stumm blieb, legte er los, und argumentierte, wie schön es sei, nicht hören zu können.

Weil ich ihn nicht sofort verscheuchen wollte, stimmte ich zu. Es gab Situationen in meinem Leben, da tat ich alles, um nicht zuhören zu müssen. Meinem Vater, zum Beispiel. Oder den dummen Ausbildern der Bundeswehr. Oder Angela Merkel. Abschließend bekam ich Lust, ihn zu ärgern und gab ihm zu verstehen, daß ich Musik liebe und das Stöhnen der Geliebten.

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Der Hahn, der ein Guru wurde

„Väter,“ dachte sich Eilert Hayen eines Morgens, zu einer Zeit, als die Kinder schon längst in der Schule waren, „Väter haben durch ihre Kinder die Chance, die Welt wieder neu zu entdecken. Ich kann wieder in der Sandkiste spielen, ohne dass die Nachbarn denken, ich sei regrediert, ich kann mit ihnen Schlittenfahren, Blumenkränze binden und sorglos auf dem Barfußpfad wandeln. Am liebsten gefällt es mir, mit ihnen die Kinderfilme zu entdecken, die ich damals nicht sehen konnte. Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga, und die Kinder aus Bullerbü.“

Eilert schaute seit geraumer Zeit mit den Kindern alle Folgen von Pan Tau. Er fand, dass der Mann mit Schirm und Melone wunderbarer schweigen konnte als ein verstorbener Guru, der teure Luxusschlitten fuhr. Pan Taus Augen waren einfühlsamer, sein Blick zeugte von einer liebevollen Seelentiefe und sein ganzes Sein war auf das Erfreuen von Kindern ausgerichtet. Das Schöne an Pan Tau war seine Einfachheit. Niemand würde auf die Idee kommen, ihn anzubeten. Oder sein Bild zu verehren.

Eilert Hayen, der an einer Bronchitis erkrankt war, hütete auf Anordnung seiner Frau das Bett. Kurz bevor sie zur Arbeit ging, empfahl sie ihm, mehrfach am Tage zu inhalieren. Weil Eilert ungeduldig und kraftlos war, bereitete sie schon alles vor. Sie stellte eine Schüssel auf den runden Küchentisch, gab eine Thymian-Myrrhe-Salbe dazu sowie ein großes Handtuch. Schließlich legte sie eine Pettersson-Findus-CD in die JVC-Mini-Anlage, weil sie wusste, wie gut ihrem Mann die lustigen Geschichten von Sven Nordqvist gefielen. Dann gab sie Eilert einen Kuss auf die Stirn, bevor sie mit ihrem dunkelblauen Mini-Cooper zur Arbeit in die nahe gelegene Redaktion fuhr.

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Kinder lieben gute Laune

„Generationskriege sind Ausdruck einer patriarchalischen Gesellschaft,“ sagte mein Freund Matthes einmal, „Wenn du dein Kind freundlich begleiten und nicht durch Erziehung unterdrücken willst, brauchst du sehr viel Geduld – mit dir selbst.“

Ich schaute ihn bei diesen Worten verwundert an, denn der Gehalt seiner Sätze war ungewöhnlich, nicht nur in dieser Gesellschaft, sondern auch, weil sie aus seinem Mund kamen – direkt, ehrlich, weise – und ich ahnte, dass viele Veränderungen in ihm vorgegangen waren, seitdem wir uns zum letzten Mal gesehen hatten. Matthes, Vater von drei Kindern und Geschichtenerzähler wie ich, lebte seit ein paar Jahren wie ein Schamane; nicht, dass er einer war, doch er näherte sich in seiner Lebensauffassung einer Haltung der Menschen, die wir als Indianer bezeichnen. Seine Haare, die deutlich länger geworden waren gegenüber seiner buddhistisch anmutenden Mönchsfrisur, die er seit ein paar Jahren trug, ließen ihn wilder und verwegener aussehen, sein Gesichtsausdruck war fester geworden, wenngleich er dennoch spontane Lachanfälle bekam, die, wären sie in einer Kirche geschehen, den Pastor von der Kanzel gepustet hätten. Während er beobachtete oder mit mir oder anderen sprach, stellte ich fest, dass Matthes nicht mehr mit dem Wohlwollen anderer rang, obgleich seine Herzlichkeit spürbar war.

„Antoine de Saint-Exupéry, Vater des Kleinen Prinzen,“ fuhr Matthes fort, „brachte mich mit seiner Geschichte auf die Idee, meine Rolle als Vater neu zu überdenken. Einer der zentralen Sätze lautet: „Wenn du einen Freund willst, musst du sehr geduldig sein.“ Wer ist gemeint? Der Vater? Oder das Kind? Ich habe die Beobachtung gemacht, dass es beide sind, die sich gemeinsam verändern – in den friedlichen Zeiten, die einem harmonischen Zusammensein gleichen und in den bewegten Zeiten, in denen es offene oder versteckte Konflikte gibt. Sie können sich annähern oder voneinander entfernen; je nachdem die Einstellung und das Verhalten des Erwachsenen das Leben durchdringt – zunächst, jedenfalls in den jungen Jahren des Kindes. Betrachtet der Erwachsene sein Kind als Feind, so wie es hier im Westen durchaus üblich ist, egal ob als klassischer Familienvater, als Solist oder als Patchworker, so will er Macht – auch über seine Kinder, weil er nicht bereit ist zu verstehen, wie Menschen friedlich und liebevoll zusammenleben können. Kinder an sich sind Liebende, sie verzeihen dem Erwachsenen, weil sie nicht anders können – selbst die größten Gemeinheiten, solange jedenfalls, bis das Fass zum Überlaufen kommt. Dann bricht eine Welle von Gewalt und Hass aus dem Kind hervor, ohne dass das unschuldige Wesen ahnt, Opfer einer kaum durchschaubaren Kampagne geworden zu sein, denn Hass ist die Emotion, die die Mächtigen für ihre Zwecke, für ihre Kriege und für ihre Macht in sogenannten Friedenszeiten missbrauchen.“

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Das Ariadne-Project

Ariadne meinte, dass ich über uns schreiben darf, genau in dem Moment, als ich wusste, dass ich über uns schreiben will, doch in dieser Wirklichkeit geht es nur, wenn die Geliebte ihr Einverständnis gibt.

Wir sind Menschen wie Du, uns hat oftmals im Leben die Gebrauchsanweisung gefehlt, wie wir uns verhalten sollen, um zu verstehen, was mit uns in der Welt geschieht, mit all den Menschen, von denen wir glauben, dass wir sie lieben und dennoch Katastrophen, wenn nicht sogar schreckliche Tragödien erleben, ohne wirklich zu wissen, warum uns das mit einem Menschen geschieht, den wir zutiefst lieben.

Jeder von uns kennt tiefe Verletzungen aus der Kindheit und Jugend, und irgendwann, wenn wir glauben erwachsen zu sein, überfällt uns ein tiefer Schmerz, wenn alte Wunden auf einmal aufreissen oder wenn eine Liebesbeziehung zur Hölle wird. Normalerweise können wir nicht umhin, dem anderen dann zu entfliehen, es denn, wir ahnen, daß es anders gehen könnte.

Viele Menschen sehnen sich nach einer wunderbaren Liebe, wünschen sich unendlich viel Nähe und Vertrauen, mögen mit dem geliebten Menschen Wagnisse eingehen, wenn da nicht Ängste wären, über die wir nicht reden wollen oder können, weil wir nicht gelernt haben, in Kontakt zu gehen, um ehrlich miteinander auf allen Ebenen zu kommunizieren, um lieben zu können – bedingungslos, platonisch, spirituell und sexuell.

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Marmor und Psyche

Es war ihre erste gemeinsame Sylvesternacht. Ohne sich erkennen zu geben, hatte sich etwas Dunkles in die Welt von Solveig und Tammo geschlichen, still und heimlich, so daß beide später verzweifelt waren, Tammo mehr als Solveig, weil er jene Nacht mit einer tiefen Sehnsucht verband, um eins mit der Liebsten zu werden. Beide waren wie Liebende aus einem Bilderbuch, so romantisch, so verspielt – und zugleich weltlich, wünschend, miteinander redend, und zugleich sexuell, erotisch, verführend, Tabus brechend, wann immer und wo sie es konnten, wenn sie es denn wollten.

Der Abend hatte schön begonnen, mit einem freundschaftlichen Beisammensein mit Menschen aus Solveigs Welt, die Tammo am Nachmittag bei einem Spaziergang in einem Wald flüchtig kennenlernte. Er war glücklich, als er sah, daß Solveig von ihrer Freundin Ragna auf dem Feldweg umarmt wurde, er spürte ihre rollige Zufriedenheit, einen anderen Ausdruck hatte er nicht für dieses Phänomen, das sich ergab, wenn sie sich wohlfühlte und durch ihren Körper Rundheit ausstrahlte, Rundheit und Wärme, ein Phänomen, das ihn an den Bauernhof seiner Großmutter Ylvie erinnerte, an Minka, an die schnurrende Katze Minka, die ihm beigebracht hatte, Stimmungen zu erkennen, Wohlgefühl, das Bedürfnis nach Nähe und wolliger Wärme, die mit einem Schnurren das Wohlwollen und das Wohlfühlen zum Ausdruck brachte, und zugleich lehrte Minka die Notwendigkeit von Ferne, des Sich-Entfernens, um spielerisch die Nähe zu suchen und wieder sanft fortzutapsen, damit die eigene Energie wieder fühlbar werden konnte, um dann sich dem Streicheln zu ergeben, solange, bis Minka keine Lust mehr hatte und dem Spiel keine Aufmerksamkeit mehr schenken konnte, weil sie ein Impuls in eine andere Welt entführte.

Tammo war kein abergläubiger Mensch und dennoch spielte er mit, als sie alle zusammensaßen, um einem alten Brauch zu huldigen, weniger, um die Wahrsagerei mit Blei kennenzulernen, eher, weil er keinen Moment ohne Solveig verbringen wollte, weil er die Geselligkeit mit den anderen mochte und weil er keinen Grund kannte, um wirklich Nein sagen zu müssen. Es war belanglos und wiederum nicht belanglos; die Formen spielten für Tammo keine Rolle, nicht einmal die Worte – es kam nur auf das Gefühl an, auf diese unendliche Weite zwischen ihm und Solveig, auf die Vertrautheit und auf das nichthörbare Schnurren, das zum Ausdruck brachte, wie wohl sich Solveig fühlte.

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Der Traum im Traum

Den Trennungsschmerz oder das Gefühl einer offenen Situation auszuhalten, das Jonglieren zwischen Hoffnung und realem Sein, ist eine wirklich schwierige Situation. Wie können wir Menschen das aushalten?

Trennungsschmerz ist nicht einfach zu bewältigen, und es tut gut, ihn zu akzeptieren, zu weinen, solange, bis die Tränen dir sagen, daß sie (die Tränen) dich lieben. Dein Inneres hilft dir mit jeder Träne, daß du dich heilen kannst.

Diesen Prozeß kenne ich von mir, als ich zum ersten Mal in meinem Leben verlassen wurde, und ich kenne ihn von anderen Menschen. Die Zeit der Trauer kann zwei Monate dauern, vielleicht geht es schneller, vielleicht braucht es viel länger.

Ich habe diese Zeit alleine verbracht, war viel in der Natur und habe Moody Blues gehört, auch verbunden mit der Hoffnung, es könne ein Wunder geschehen. Gleichzeitig war es meine Weise, die Gefühle, die in mir waren, lebendig werden zu lassen – und das ließ die Tränen noch mehr fließen. Das war 1975.

Sechs Jahre später bekam ich einen Brief mit unbekannten Absender aus Berlin. Meine geliebte Freundin hatte einen neuen Nachnamen; sie war verheiratet. Es tat weh, natürlich – und alle Schmetterlinge im Bauch waren wieder da. Vollkommen unlogisch, weil mir erst jetzt eine neue Grenze bewußt wurde. Ich freute mich über das Verbundensein, dieses ewige, und das ließ mich hoffen – dem Leben gegenüber und auch für dieses unendlich scheinende romantische Liebesgefühl.

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Chancen. Mitten im Schmerz.

Worte und Taten
wie lange wird es dauern
bis sie in Einklang sind.

Die Worte
sind sie echt
Wünsche an die Zukunft
Hauch ehrlichen Erinnerns
Macht des Betörens?

Die Taten, das Handeln
pur in der Gegenwart
beeinflusst durch die Vergangenheit
keine Zukunft
wem nicht die Wandlung bewusst.

Das dritte
das Gemeinsame
widerspiegelt es
das Dunkle und das Schöne des anderen –
Und auch des eigenen Seins?

Wo ist die Brücke
um das Einzigartige, das Wilde und auch das Schmerzende
verstehen
transparenter erscheinen lassen
oder auch nur
reflektieren zu können
jeder für sich
beide gemeinsam?

Wird in dem Schmerz
etwas Neues geboren?

Transformation verlangt?
Ja, was verlangt das Herz?
Das menschliche Sein?

In sich hineinschauen
in die eigenen Aspekte des Verknüpften
manchmal nur ganz kleine Anteile in sich wahrnehmen
die Lupe etwas vergrößern lassen.

Abstand gewinnen
und doch nah sein wollen
sich selbst nicht leugnen
nicht verzweifeln
sich neu entdecken und gestalten.

Das sind die Chancen
mitten im Schmerz.

Vom schrecklichen Manipulator

Die Person, über die ich schreiben möchte, braucht zunächst einen Namen. Es ist nicht einfach, diese Arbeit zu machen, denn jener Mensch, der nicht mehr lebt – vielleicht ein Geist ist, ein Phänomen oder nur noch eine Einbildung -, war immer ein Ego, das sich ständig über andere erheben wollte, und zwar in einer Dimension, die selbst Sigmund Freud verwundert hätte, weil ein Implantat, nennen wir es Hyper-Bewusstsein, als solches nicht in der Freudschen Betrachtungsweise vorgesehen war, auch nicht als solches existieren könnte, wenn der Adressat einer Manipulation das Über-Ich natürlich transformiert hätte.

Wenn ich dir als Freund sagen würde, dass ich ein Gott wäre, würdest du mich für spinnert halten. Damit ich dich dahin bringen kann, dass du mich anbetest, muss ich mir etwas einfallen lassen. Wenn ich von dir verlangen würde, zu mir ‚Geliebter Gott‘ zu sagen, muss ich mir noch mehr einfallen lassen. Das Wechseln der Sprachebenen war eine beliebte Taktik dieser Person; Englisch wurde zur Verkehrssprache und Sanskritbegriffe waren geeignet, Verschleierungsprozesse durch Mystifizierung optimal zu gestalten. Mister X wurde ‚Beloved Bhagwan‘.

Alles Streben dieser Person war auf Macht und Versklavung ausgerichtet. Diese Person war männlich und wollte die Seele seiner Untertanen – ihre Körper, ihre Gefühle, ihre Stimmungen und ihre Psyche. Er wollte alles. Aus einem Nobody wurde ein Acharya, der sich dann Bhagwan nannte, um seine Karriere als Weltenguru, als Meister aller Meister zu vollziehen. Als es offensichtlich wurde, dass sein Himmelreich in Oregon die reinste Hölle war, musste zunächst sein Leben gerettet werden, auch wenn seine irdischen Heerscharen ziemlich blöd guckten, als Grinsebacke verschwunden war.

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Freie Tanzschule

Tanzschule, welch ein komisches Wort. Meine erste Tanzschule begann, als ich fünfzehn war, und das Schönste an dieser Zeit war die Annäherung von Körper zu Körper, von männlich zu weiblich, das Riechen können, das Fühlen, das Berühren, das Eigentliche, das Vorsichtige, das Ahnende, das Wachwerdende.

Das Einzige, was störte, war die Musik. Ein Fan der Rolling Stones, von den Yardbirds und all den Anfängen dieser wunderbaren Musik, die sich Rockmusik nannte, ward in den Foxtrott gestoßen, nicht in den von Genesis, das Album sollte später kommen. Was am meisten nervte, war nicht das Spiel, zu den schönen Frauen zu rennen, nein, das war schön, wenn auch bescheuert, weil es nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hatte.

Es gibt etwas, das ist für Dummies. Stupides Zählen und nicht mitfühlendes Auswendiglernen. Es gibt Leute, die Zählen sogar beim Sex. Neun Mal flach, einmal tief. Und wieder von vorne. Diese Variante gibt es auch als zehn kleine Negerlein, 9-1, 8-2 und so weiter. Wer kann dabei Gefühle fühlen? Ich gestehe, ich habe es ausprobiert, aber es ist absolut lächerlich, wenn du nicht den Showmaster spielen willst. Das Konzept ist geil, bloß mache es intuitiv und lass nicht die Luft raus.

Genauso ging es mir mit dem Zählen beim Tanzen. „I feel free,“ das hörte ich Zuhause, in meinem Weißen Zimmer, und hier, in der Tanzschule, wo die Jecken sich zum Schützenfest trafen und wo die Bundesjugendspiele stattfanden, da trat ich zum ersten Mal der Frau auf die Füße, die dennoch mit mir Freestyle tanzte, allerdings später, im Berliner „Sound“, schwoofend bei „A Whiter Shade of Pale“, ausflippend bei „Do What You Like“. Seitdem mag ich keinen Walzer.

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Sybilles Weihnachtsmann

„Thieves,“ sagte Sybille, „Diebe? Und das zu Weihnachten? Bei mir gibt es nicht viel, was man klauen könnte. Bist du sicher, dass das für mich ist?“ Der Weihnachtsmann nickte. Normalerweise hatte er keine Zeit, um sich mit Kindern und Erwachsenen zu unterhalten. Er war müde, und hatte keine Lust mehr auf Fragen, die er nicht beantworten wollte.

„Du bist noch nicht lange im Geschäft?“ fuhr Sybille fort.

Der Weihnachtsmann schüttelte den Kopf.

„Du siehst gut aus,“ sagte Sybille darauf, „ich meine, du siehst jung aus.“ Spontan fuhr sie mit ihren Fingern durch ihre Haare. Weil sie dabei erröte, wurde der Weihnachtsmann wach. Jedenfalls etwas.

„Ich feiere alleine Heiligabend,“ sagte Sybille, „aber das siehst du ja. Auch wenn ich es nicht unbedingt als Feiern bezeichnen möchte. Hast du heute noch was vor, wenn ich dich fragen darf?“

Der Weihnachtsmann schüttelte wieder seinen Kopf.

Sybille liebte es direkt zu sein. Dennoch respektierte sie die Stille, die vom Weihnachtsmann ausging. Es war eine angenehme Stille; ein Hauch von Freiheit, ein Hauch von Möglichkeiten – Hauch einer Reife, die selten auf diese Weise zu duften begann.

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Frage. Atme.

„Dieses Land ist es nicht,“ sagte Rio lange vor der Zeit, als jenes Land grausame Maßnahmen vollzog, die dem Katalog eines Alliierten des Feuerlords entsprechen. Die Frage, in welch einem Land wir leben, stelle ich mir schon lange nicht mehr. Ich wußte es, bevor Rio sein Lied schrieb.

Und dennoch barg die Zeit damals etwas wie Hoffnung, ein Hauch von Glück, ähnlich wie die vermeintliche Ansicht, daß die Luft, die wir atmeten, eine frische Brise sei, auch wenn der nukleare Schrecken Windscales nicht zum Schrecken wurde, ganz einfach, indem der Horror verheimlicht wurde.

Bio in Zeiten der Cholera ginge ja noch, aber Bio in Zeiten von Chemtrails, Gülle und Merkel erstickt in äußeren Bedingungen; auch wenn die Gier der Rüstungsindustriellen die Gier der Regierenden lenkt. Was essen wir und was trinken wir, wenn Bio nicht mehr Bio und Wasser nicht mehr Wasser ist? Was atmen wir, wenn die Luft keine Luft mehr ist?

Die äußeren Bedingungen führen zu Hilfsmaßnahmen, doch wie lange helfen individuelle Konzepte? Leonard Cohen sang von Liebe und Haß, genau zu jener Zeit, als die Truppen des Feuerlords – auch mit Hilfe eines deutschen Unternehmens – Vietnam vergiftete. Der Geist der Partisanen durchdrang die Freiheitsliebenden, solange, bis wir eines Tages am Lagerfeuer mit Gioconda Belli saßen und uns die Frage stellten, warum wir nicht anders können, als uns nach Freiheit zu sehnen. Nicht nach irgendeiner, sondern nach der absoluten, die es allen Lebewesen ermöglicht, in Liebe zu leben, frei von Ungerechtigkeit, frei von Habgier und frei von Haß.

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