„Zum Flughafen. Aber schnell. Ich habe es eilig!“ Tammo schaute seinem Fahrgast in die Augen. Irgendwo, umschlungen von Business-Grau, sah er die roten Blutäderchen im Auge seines Gegenübers. Dann atmete er tief durch und sagte: „Wollen Sie mich zu einer Verkehrsüberschreitung verleiten?“ Das Rot aus den Augen des Geschäftsmannes verteilte sich über das ganze Gesicht. „Mann, ich habe es eilig. Nun fahren Sie los, aber dalli.“

Obwohl der andere den Boss-Anzug trug, wußte Tammo, wer Herr im Hause war. „Nein, ich bin ein anständiger Taxifahrer,“ sagte er, „schneller fahren als erlaubt geht nicht. Das können Sie nicht von mir verlangen.“ „Erzählen Sie mir nichts, alle Taxifahrer tun so was. Nun fahren Sie endlich los.“ Doch Tammo startete nicht. „Sie können sich gerne eine andere Taxe bestellen, ich fahre vorschriftsmäßig.“ Das Businessgrau wurde deutlich Businessrot. „Dazu reicht die Zeit nicht; fahren Sie!“ Tammo schüttelte den Kopf.

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag zur Güte. Wenn ich achtzig fahre und erwischt werde, kostet mich das hundertachtzig Mark. Die legen Sie mir jetzt in die Konsole. Wenn die Polizei kommt, reiche ich die Scheine rüber und habe keine weiteren Scherereien. Kommt keine Polizei, ist das mein Tip. Okay?“

Businessdunkelrot wollte nicht. Tammo war auf einmal der vorbildlichste Taxifahrer, nicht nur Bremens, sondern der ganzen Welt. Es war sehr anstrengend für ihn, die Tachonadel auf exakt Fünfzig zu halten. Immer, wenn eine Ampel von Grün auf Gelb umzuspringen drohte, mußte er sich beherrschen, kein Gas zu geben. Aber er schaffte es.

Am Flughafen verlangte der Fahrgast eine Quittung und gab – so hatte es Tammo nicht anders erwartet – kein Trinkgeld. Am Kofferraum schnurrte Mister Boss verächtlich: „Ich werde mich über Sie beschweren.“ Tammo lachte ihm verschmitzt entgegen: „Interessanter Fall für die Taxenvereinigung. Fahrgast beschwert sich, weil Taxifahrer korrekt gefahren ist.“ Und dann drückte er vorsichtig die Klappe – die des Kofferraums – runter.

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Zum Flughafen

Die etwas schnellere Variante

„Zum Flughafen. Aber schnell. Ich habe es eilig!“ Tammo schaute seinem Fahrgast in die Augen. Irgendwo, umschlungen von Business-Grau, sah er die roten Blutäderchen im Auge seines Gegenübers. Dann atmete er tief durch und sagte: „Gut.“ Der Businessmann hatte sich noch nicht angeschnallt und schon hatte sich Tammo in den schnellen Morgenverkehr eingefädelt. Zum ersten Mal hatte er 90 PS unter der Haube und vor sich den beliebtesten Nürburgring der Taxifahrer Bremens.

Um die Ampel in der Linksabbiegerspur am Herdentorsteinweg zu bekommen, beschleunigte er auf mehr als achtzig, steuerte, während er die Automatik manuell in den zweiten Gang runterschaltete, galant rechts neben das Fahrzeug, das auch links abbiegen wollte, zog sozusagen eine Parallelkurve zu seinem Vordermann, der durch den Trick zum Nebenmann wurde. Tammo sah, wie die Lackschuhe neben ihm versuchten, das Bodenblech durchzutreten und roch, wie der Anzug anfing zu stinken, irgendwie – ängstlich.

Am Wall ruhte sich Tammo aus; genoß den Blick auf die grünen Anlagen und freute sich über das Kopfsteinpflaster. Sein Fahrgast hatte vergessen, daß er normales Tempo fuhr; die rechte Hand hatte immer noch den Türgriff fest umschlossen, irgendwie – krampfhaft. Beim sechsten Polizeirevier konnte Tammo in der ausgedehnten Rechtskurve mit spürbaren Niveauunterschieden gut beschleunigen. Am Altenwall nahm er Augenmaß, um sich auf die Vorfahrtstraße – knapp, aber passend, mit siebzig einzufädeln. Abbiegend auf die Wilhelm-Kaisen-Brücke stellte Tammo zwei Sachen fest. Erstens. Das Businesswesen war fast businessaschblond geworden. Etwas anderes hatte er nicht erwartet. Zweitens. Auf der Brücke, kurz vorm Teerhof, fuhr ein Polizeiwagen. Er beschloss, schnell mit achtzig aufzuschliessen, dann im rechten Augenblick sanft auf siebzig, dann auf sechzig herunterzugehen.

Als Tammo seine Geschwindigkeit dem Polizeiauto anpasste, fing der Fahrgast an, mit den Polizistinnen Kontakt aufzunehmen. Er rudelte wild mit seinen Händen, machte abstruse Lenkbewegungen und zückte sein Handy. Doch ohne Chance. Tammo hatte dezent das Tempo erhöht und als die netten Polizistinnen nicht aufschlossen, beschleunigte er, sodaß er die Ampel am Neustadtswall bei freundlichem Gelb nahm, während das grünweiße Auto stehenblieb.

Der Endpurt ist schnell erzählt. Kontinuierlich gab Tammo Gas. Beim Ausscheren von der rechten in die linke Spur in Höhe des 12. Polizeireviers ein knappes gelungenes Stoßstangenspiel mit dem Vordermann. 90 PS waren gegenüber den gewohnten 55 PS doch ein wenig schneller.

Ein zum BMW mutierter Manta hängte sich an die schnelle Taxe, doch als Tammo auf der Friedrich-Ebert-Straße deutlich die 100 Kilometermarke überschritt, gab er auf. In der letzten Linkskurve befürchtete Tammo, daß sein Fahrgast es nicht so schnell zur Toilette schaffen könnte, gab noch mal kräftig Gas und lief dann als Sieger langsam in das Flughafengelände ein.

Sein Fahrgast verlangte eine Quittung. „Ich werde mich über Sie beschweren.“ Tammo nickte, drückte die Klappe – die des Kofferraums – sanft runter und freute sich, dass er für solche Fälle den Quittungsblock eines anderen Kollegen bei sich hatte.

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